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Vor dem Hintergrund von PISA und Rütli stellen sich immer mehr Eltern die Frage, ob es nicht Alternativen zur staatlichen Schule gibt. Die gibt es - und sie verfolgen meist ganz andere pädagogische Konzepte.
"Lernen mit Kopf, Herz und Hand" - Motto der Waldorf-Schulen
Sitzkreise, Freiarbeit und Projektunterricht - was man vor wenigen Jahren vielfach noch als abgehobene Ideen der reformpädagogischen Gründerväter und -mütter abgetan hat, ist heute längst Alltag in vielen Klassenzimmern. Die Erkenntnis, dass eintöniger Frontalunterricht die Schüler nicht gerade zu geistigen Höhenflügen anregt, hat sich durchgesetzt. Alternative Schulmodelle folgen deshalb meist einem ganzheitlichen, nicht selten anthroposophisch beeinflussten Konzept: Nicht nur der Wissenzuwachs, sondern auch die seelischen Bedürfnisse der Kinder erhalten einen hohen Stellwert im pädagogischen Vorgehen.
Kinder sind Entdecker und Abenteurer, haben ein natürliches Bedürfnis nach Aktivität, nach Selbstbestimmung und nach Unabhängigkeit von Erwachsenen. Wenn man sie darin unterstützt, ohne sie zu bevormunden, dann haben sie auch viel öfter Lust, mitzumachen. "Intrinsische Motivation" nennt das der Pädagoge. Die Freude am Lernen und nicht die Note auf dem Zeugnis ist hier das primäre Ziel.
In vielen reformpädagogischen Ansätzen lautet eines der Grundprinzipien deshalb auch "Pädagogik vom Kind aus" (Maria Montessori). Die Aufgabe des Lehrers besteht hier hauptsächlich darin, seine Schützlinge genau zu beobachten: Wo steht das Kind gerade in seiner Entwicklung? Und wie kann ich es auf seinen nächsten Schritten optimal begleiten? Die Lehrperson nimmt sich in ihrer Aktivität zurück, denn "entdeckendes Lernen" heißt, dass sich die Schüler den Lernstoff vielfach selbst erarbeiten müssen.
Das geht natürlich nur, wenn die Schüler auf entsprechend vorbereitete Materialien und Lernumgebungen treffen, mit deren Hilfe sie ihrem Entdeckerdrang und ihrer kreativen Ausdrucksfähigkeit dann vollen Lauf lassen können. Für die Lehrer geht eine solche pädagogische Herangehensweise oftmals mit einem nicht unerheblichen Mehraufwand einher. Die Dokumentation einer mehrwöchigen, fächerübergreifenden Projektarbeit ist nun mal aufwändiger zu korrigieren als ein einfacher Lückentext.
Den natürlichen Lerntrieb der Kinder fördern - ein Ziel der Montessori-Schule
In der Montessori-Pädagogik versucht man gezielt, den natürlichen Lerntrieb der Kinder zu unterstützen. Dieser manifestiert sich in einem "natürlichen Bauplan" und den damit verbundenen "sensiblen Phasen" in der Entwicklung. Die Begründerin Maria Montessori vergleicht diese Zeitabschnitte mit Entwicklungsphasen bei Pflanzen und Tieren. In bestimmten Lebensabschnitten sind Kinder demnach für bestimmte Reize besonders empfänglich. Dann fällt ihnen zum Beispiel das Lesen- oder Rechnen Lernen besonders leicht. Für die Erziehung bedeutet dies, dass das Kind sich jeweils auf nur ein Lernziel konzentrieren sollte - also beispielweise nur aufs Lesenlernen. Dauer und Reihenfolge der einzelnen Entwicklungsphasen sind aber individuell verschieden. Deshalb findet in Montessori-Schulen der Unterricht meist in altersgemischten Gruppen statt.
Es gibt in Deutschland sowohl Montessori-Kinderhäuser als auch Montessori-Schulen, in denen die Kinder bis zum mittleren Bildungsabschluss, das heißt bis zur zehnten Klasse, unterrichtet werden. Sekundarstufen II (gymnasiale Oberstufe) sind derzeit in Planung.
Auch die Waldorf-Pädagogik richtet sich an individuellen Entwicklungsphasen der Kinder und Jugendlichen aus. Kognitive, kreative, künstlerische, praktische und soziale Fähigkeiten sollen in gleicher Weise entwickelt werden. "Lernen mit Kopf, Herz und Hand" lautet das Motto. Sitzenbleiben kann man in einer Waldorf-Schule nicht. Waldorflehrer geben ihren Schülern individuelle Beurteilungen statt Noten, d.h. die Schüler erhalten Zeugnisse, in denen die Persönlichkeitsentwicklung und der Lernfortschritt des Schülers beschrieben werden.
Grundsätzlich ist die Waldorf-Schule auf einen 12-jährigen Schulbesuch ausgelegt. Bei entsprechender Eignung können die Schüler aber nach einem weiteren Schuljahr zum Abitur zugelassen werden.
Eine Entwicklung des Kindes hin zur Selbstständigkeit steht beim so genannten Jenaplan an erster Stelle. Erziehung vollzieht sich hier nach den pädagogischen Leitgedanken des Begründers Peter Petersens aber immer auch in und durch die Gemeinschaft. Deshalb wird in Jenaplan-Schulen neben dem "normalen" Lehrplan die Einübung sozialen Verhaltens durch ritualisierte Gesprächssituationen wie dem Kreisgespräch oder durch entsprechend gestaltete Lernspiele besonders gefördert.
Der Jenaplan kann grundsätzlich auf alle Altersstufen angewendet werden. Es gibt sowohl Jenaplan-Grundschulen als auch weiterführende Schulen, die nach dem Jenaplan arbeiten.
Die Konzepte der meisten Alternativschulen vereinen sowohl Elemente der klassischen Reformpädagogik der 1920er Jahre als auch Methoden der modernen Erziehungswissenschaft. Die Selbstbestimmungsrechte der Schüler haben hier meist einen höheren Stellenwert, die Pädagogen zeichnen sich oft durch besondere Zusatzqualifikationen aus und verstehen sich eher als Lernberater oder Begleiter der Schüler. Auch das Verhältnis zwischen Eltern und Schule ist nicht selten intensiver und kooperativer.
Das alles hört sich gar nicht schlecht an. Und doch doch sehen sich diese alternativen Schulmodelle - und damit auch ihre Schüler – immer wieder mit abschätzigen Bewertungen konfrontiert. Eine "verweichlichte Erziehung", die nicht richtig auf die harte Realität unserer Leistungsgesellschaft und die Anforderungen des Arbeitsmarktes vorbereite, lautet wohl der häufigste Vorwurf.
Auch wenn im europäischen Vergleich der Anteil der so genannten "Alternativschulen" in Deutschland immer noch sehr gering ist, so werden sie gerade in den letzten Jahren immer stärker nachgefragt. Viele Eltern befürchten, dass ihre Kinder im herkömmlichen Schulsystem nicht optimal gefördert werden und suchen nach Alternativen. Dabei sind sie auch bereit, sich mit eigenem Einsatz und finanziellen Mitteln zu engagieren. Viele Schulen in freier Trägerschaft sind auf die Mithilfe der Eltern angewiesen. Das geforderte Schulgeld orientiert sich in manchen Schulen meist am Haushaltseinkommen oder wird pauschal erhoben. Ein Beispiel: Je nach Klassenstufe liegt das monatliche Schulgeld für den Besuch einer Montessori-Schule bei 330 bis 385 Euro.
Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes gab es in Deutschland im Schuljahr 2005/06 rund 4.600 Privatschulen. Etwa 2.750 von ihnen sind allgemeinbildend. Damit stellen die Schulen in privater Trägerschaft etwa 7,5 Prozent aller allgemeinbildenden Schulen in Deutschland. Die meisten von ihnen sind in kirchlicher Trägerschaft. Nach Angaben der Schulverbände gibt es derzeit etwa 400 Montessori-Schulen (davon 300 Primarschulen) und 200 Waldorf- und Rudolf-Steiner-Schulen. Alternative Schulmodelle sind also immer noch relativ selten anzutreffen.
Autorin: Katja Schönborn






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