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Etikett vom SR Foto: SR

Vereine

Nicht nur in der Schule lernen wir ...

Vom Fußballclub bis zur Theatergruppe: Neben Wissen und speziellen Fertigkeiten kann man im Verein auch das Miteinander trainieren. Doch was ist das Erfolgsgeheimnis des "Lernort Verein"? Eine Spurensuche im Saarland.

Pfadfinder auf dem Bundeslager Foto: Picture-Alliance/dpa

Lernen bei den Pfadfindern: Survival-Training und soziale Kompetenz

Fragt man Kinder und Jugendliche, warum sie in einem Verein, einer Gruppe mitmachen, dann heißt es meist: weil es Spaß macht. Spaß, Fußball, Basketball oder Tennis zu spielen, in der Theatergruppe, bei der Feuerwehr, den Pfadfindern mitzumachen. Spaß, immer besser zu werden, sich mit anderen zu messen, auch Spaß, Verantwortung zu übernehmen. Und natürlich Spaß, mit anderen gemeinsam etwas zu unternehmen.

"Es ist die Bestätigung, dass man Qualitäten hat, die anderswo – zum Beispiel in der Schule – nicht gefordert sind", sagt Georg Vogel, Geschäftsführer beim Landesjugendring Saar, einer Arbeitsgemeinschaft von 21 saarländischen Kinder- und Jugendverbänden.

In einem Verein, einer Gruppe mitzumachen heißt also: Freiwilliges Lernen, das Spaß macht. Freiwillig, weil man in der Regel den Verein nach seinen Interessen und Neigungen aussucht. Lernen, weil man seine Fertigkeiten verbessert. Spaß, weil man Erfolgserlebnisse hat und Selbstbestätigung bekommt – und das ist etwas, was schließlich jeder Mensch braucht.

Den Umgang mit anderen lernen

Lernen im Verein bezieht sich jedoch nicht nur auf Fertigkeiten und Wissen. "Kinder und Jugendliche können im Verein viel Selbsterfahrung sammeln, was ja besonders für die Entwicklung von Einzelkindern wichtig ist", sagt Thomas Dastbaz, Vorsitzender der Sportjugend Saar. "Kinder können sich in der Gruppe austesten. Sie können den Umgang mit anderen Menschen lernen, lernen, sich in der Gruppe durchzusetzen, aber auch mal zurückzustehen. Sowohl bei Gleichaltrigen als auch bei Älteren – schließlich haben sie ja auch mit Trainern, Betreuern und auch mit Vereinsvorsitzenden zu tun, gegenüber denen sie ihre Interessen vertreten müssen."

Es geht also um das soziale Miteinander. Und das können wir nur im Umgang mit anderen lernen. "Wir sind nicht selbst geschaffene Wesen, sondern abhängig von den Rückmeldungen der anderen", sagt Dr. Armin Kuphal, Soziologe an der Universität des Saarlandes.

Soziale Kompetenz lernen

In der Familie lernen wir die ersten Grundregeln des Miteinanders. Was richtig, was falsch ist, wie wir uns benehmen sollen. Der Soziologe nennt dies "primäre Sozialisation". Die "sekundäre Sozialisation" beginnt laut Dr. Armin Kuphal ungefähr mit der Schulreife. Hier lernen wir, uns auch mit den Augen der anderen zu sehen, und zwar nicht nur aus dem Blickwinkel der Familie. Und das ist wichtig, denn in unserem Leben müssen wir uns in ganz verschiedenen Umfeldern bewegen.

In der Schule, der Ausbildung, bei der Arbeit, in der Freizeit – überall gelten eigene Spielregeln. Je besser wir diese Spielregeln beherrschen, um so eher werden wir akzeptiert. Das Zauberwort heißt soziale Kompetenz. "Wenn jemand ordentliche soziale Kompetenz hat, kann er sich unter mehr bewegen als nur unter Seinesgleichen. Er fällt irgendwie immer auf die Füße", sagt Kuphal.

"Soziale Kompetenz hat zu tun mit gekonnter Selbstdarstellung in der Öffentlichkeit. Und gekonnt heißt: nicht zu viel und nicht zu wenig", so Kuphal. Besonders Kinder müssten deshalb ihre "Bühne" bekommen. "Sie müssen es aushalten, sich zu präsentieren – und mitunter auch zu versagen." Sie müssten auch lernen, anderen ihre Bühne zu lassen und mal nur Zuschauer zu sein. "Wir sind alle 'Künstler' in sozialer Kompetenz – mehr oder weniger – aber man muss es trainieren."  Gute Trainingsorte sind nach Auffassung von Kuphal Vereine und Gruppen aller Art. "Es sind kleine, überschaubare Kontexte, in denen Kinder und Jugendliche lernen können, sich zu bewegen, Identität zu gewinnen, einen sozialen Stand zu entwickeln und den auch behalten zu können."

Mitglieder einer Jugendfeuerwehr Foto: Picture-Alliance/Zentralbild

Freiwillige Jugendfeuerwehr: Spaß, Verantwortung zu übernehmen

Jugendarbeit in der Schule?

Fassen wir zusammen: Lernen im Verein macht Spaß und ganz nebenbei kann man dort auch noch die soziale Kompetenz trainieren. Warum dann nicht einfach das Konzept der Vereinsarbeit in die Schule integrieren – Stichwort Ganztagsschule? Auf diesem Weg könnte man schließlich alle Kinder und Jugendliche erreichen?

"Wir haben 2003 insgesamt 2800 Kinder und Jugendliche befragt, wie sie gerne lernen würden und wo sie gerne lernen würden. Die große Mehrheit war gegen die Ganztagsschule. Natürlich mit dem Bild von Schule, das derzeit vorherrschend ist", sagt Vogel. Für viele sozial benachteiligte Kinder und Jugendliche sei die Ganztagsschule natürlich eine große Chance. "Wir sehen aber genauso, dass die Verregelung durch Schule Selbstorganisationspotenziale, Lernpotenziale verhindert." Es müsste sich an den Schulen noch viel ändern, damit "Kinder und Jugendliche sich dort wirklich freiwillig und selbstbestimmt organisieren können". Diese Freiwilligkeit sei ein ganz entscheidender Faktor.

Dazu kommt, dass nicht jeder Jugendverband in die Schule will. "Ein Jugendzentrum funktioniert ganz anders als der Raum Schule", sagt Vogel. Zudem gebe es nur wenige Jugendverbände, die überhaupt in der Lage seien, Angebote in der Schule zu machen. Der Grund: Die meiste Jugendarbeit werde von Ehrenamtlichen geleistet. Und viele davon seien Jugendliche.

Das Ehrenamt leidet unter Zeitdruck

In zahlreichen der 2200 allein im Saarland aktiven Jugendsportvereinen sind bereits 16-Jährige als Trainer oder Assistenten aktiv - ebenso wie in anderen Jugendgruppen. Und sie sind sehr nachgefragt, denn allen Unkenrufen von Computer- und Videokids zum Trotz, Jugendvereine – zumindest im Saarland – haben in der Regel keine Probleme, Kinder zu finden, die mitmachen wollen.

Doch die zeitlichen Rahmenbedingungen für jugendliche Ehrenamtliche würden immer schwieriger, sagt Vogel. Der Schulalltag der Gymnasiasten sei durch die verkürzte Oberstufe (G8) länger und dichter geworden, die Studenten müssten Studiengebühren zahlen und verstärkt Geld verdienen. Feuerwehr, Jugendrotkreuz und THW-Jugend beispielsweise erfreuten sich zwar einer großen Nachfrage, "aber sie haben zugleich ein Riesen-Problem, genug Ehrenamtliche zu finden".  Überhaupt sei durch den erhöhten Arbeitsdruck das Engagement der Ehrenamtlichen insgesamt zurückgegangen, bestätigt auch Thomas Dastbaz von der Sportjugend.

Wenn die Zahl der Ehrenamtlichen immer mehr zurück geht - geraten damit nun auch die Vereine in Gefahr? Und was wären die Folgen? "Wenn eine Kommune keine Kinder und Jugendlichen mehr hat, die gelernt haben, sich demokratisch im Gemeinwesen zu engagieren, dann geht auch die Demokratie ein Stück weit kaputt", sagt dazu Georg Vogel.

Autorin: Dagmar Scherer

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sr | Stand: 04.04.2007
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