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"Die ersten Jahre sind die wichtigsten im Leben eines Kindes." "Ein Kind braucht seine Mutter." Schnell fallen uns solche Sätze ein, die wie Küchenpsychologie von einem Abreiß-Kalender klingen. Doch wie gestaltet man die ersten Jahre mit Kind? Wie bringt man alle Gefühle und Zwänge unter einen in Deutschland sehr engen Hut?
Herausforderung für Mütter: Kind, Beruf und Haushalt gerecht werden
Karin M. ist erleichtert. Sie hat es heute mal wieder geschafft, einem anspruchsvollen Job, einem aufwändigen Haushalt und vor allem einem anspruchsvollen Kleinkind gerecht zu werden. Dem Haushalt hat sie versprochen, dass morgen alles besser wird – er hat sich nicht beschwert. Dem Arbeitstag hat sie sich mit aller Konzentration und ihrem geballten Fachwissen, das sie sich in zwei Universitätsstudiengängen und mehreren Jahren Berufstätigkeit erworben hat, gewidmet. Er hat sich auch nicht beschwert. Und das Kind? Das Kind hat seinen Tag, wie jeden Tag unter der Woche, in seiner Ganztagskita verbracht – und: Es hat sich auch nicht beschwert. Na, dann ist doch alles prima, mag man meinen. Wo liegt das Problem?
Die aktuelle Debatte um die Betreuung der Kleinsten, angestoßen durch die Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen, zeigt deutlich, dass es eine Menge Probleme gibt, tatsächliche und gefühlte. Noch immer ist es in Deutschland so, dass eine Mutter unter ständigem Rechtfertigungsdruck steht. Und das ist unabhängig davon, ob sie ihr Kind selbst betreut oder ob sie es in professionelle Hände gibt. "Rabenmutter" vs. "Heimchen am Herd" scheint die Kampfansage zu lauten. Doch beides sind keine Titel, die eine Frau gerne führt.
Mit großer Emotionalität versuchen derzeit vor allem einige konservative Politiker und Kirchenmänner wie etwa der Augsburger Bischof Walter Mixa ein neues altes Leitbild von Familie zu zeichnen. Auf diesem Bild sitzt das Kind bei seiner Mutter. Die Angst, Kleinkinder könnten seelischen Schaden nehmen, wenn man dieses Bild auflöst, ist groß. Wissenschaftlich ist das jedoch seit vielen Jahren umstritten. Die Gleichung "Fremdbetreuung = psychischer Schaden" geht nicht unbedingt auf.
Schon 1999 hat die damals größte Studie zum Thema - vorgelegt vom Forschungsinstitut für die Gesundheit und Entwicklung des Kindes (NICHD) in den USA - gezeigt, dass sich Kinder in Kitas emotional ebenso gut entwickeln wie Kinder, die zu Hause in der Obhut ihrer Mutter aufwachsen. Vorausgesetzt - ganz wichtig -, die Kita hat ein hohes Qualitätsniveau. Der Studie zufolge sind Kleinkinder, die in einer Kita betreut werden, ihren Müttern ebenso eng verbunden wie Kinder, die nur zu Hause aufwachsen.
Mögliche Probleme scheinen erst später, in der Schule aufzutreten. Der Anschlussbericht von 2007 zu dieser Langzeitstudie sagt: Kita-Kinder sind später in der Schule (nach Angaben ihrer Lehrer) aggressiver, unkonzentrierter, vorlauter und stören mehr. Aber es zeige sich auch ein Vorsprung im Wortschatz. Unumstritten sind diese Ergebnisse nicht, auch in den USA wird die Debatte um die Kleinkindbetreuung sehr ideologisch und emotional geführt.
Vorteil der Kita: mit Gleichaltrigen lernt es sich leichter
Befürworter der Fremdbetreuung gehen noch weiter: Sie schauen beispielsweise nach Schweden, wo 84 Prozent der Kinder in die Vorschule gehen, noch bevor sie zwei Jahre alt sind. Das Konzept: Kinder sollen früh nicht nur betreut, sondern gebildet werden. Hier hätten die Kinder Möglichkeiten, soziale Fähigkeiten auszubilden, die alleine zu Hause mit der Mutter nicht gefördert werden. Mit anderen Kindern zusammen lernt es sich leichter zu teilen, sich durchzusetzen, zu wetteifern, zu gewinnen und zu verlieren. Und das sind alles Fähigkeiten, die für ein erfolgreiches Erwachsenenleben wichtig sind, nicht nur im Beruf.
So sprechen Befürworter der Außer-Haus-Betreuung in Politik und Wissenschaft gar davon, dass Kinder zu Hause wichtiger Entwicklungschancen beraubt werden. Und wenn dann noch dazu kommt, dass die Eltern selbst kein hohes Bildungsniveau haben, schlecht Deutsch sprechen oder einfach zu wenig Zeit oder Lust haben, um sich um den Nachwuchs zu kümmern, dann sei die Misere perfekt. Vernachlässigung und seelische Schäden, weil das Kind nicht in die Kita darf?
Die Wahrheit suchen junge Familien in der sprichwörtlichen Mitte. Was sie in dieser Mitte auch suchen, ist die Möglichkeit, sich nach den eigenen Bedürfnissen zu entscheiden. Karin M. hat sich entschieden, ihr Kind betreuen zu lassen, um weiter ihrem Beruf nachgehen zu können. Den Kita-Platz bezeichnet sie als "riesengroßes Glück". Und es hat tatsächlich viel mit Glück zu tun, denn im bundesweiten Durchschnitt hatten nach Angaben des Statistischen Bundesamtes im Jahr 2006 weniger als 14 Prozent der Unter-Dreijährigen überhaupt einen Platz. Und nicht nur, dass es viel zu wenig Plätze gibt, auch die Qualität der Betreuung lässt oft zu wünschen übrig. Anlässlich des Weltfrauentages 2007 hat die EU-Kommission in Brüssel in ihrem Gleichstellungsbericht den deutschen Betreuungsangeboten ein schlechtes Zeugnis ausgestellt: zu wenig, zu unflexibel, zu schlechte Qualität – setzen, sechs!
Letztlich sollte es das Ziel einer modernen Familienpolitik sein, Wahlmöglichkeiten zu schaffen, frei von Ideologien. Damit Familien selbstbewusst und selbstbestimmt entscheiden können, wie sie leben wollen. Eine beruflich erfolgreiche Mutter wie Karin M. soll keine Rabenmutter mehr sein. Eine Frau, die sich für 100 Prozent Familie entscheidet, soll kein Heimchen am Herd mehr sein. Und eine Frau, die arbeiten muss, weil das Geld sonst nicht reicht, soll wissen, dass es für ihr Kind gute und verlässliche Betreuungsmöglichkeiten gibt. Der Bedarf ist da, jetzt ist die Politik gefragt.
Autorin: Katrin Kimpel






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