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Der PISA-Schock sitzt tief. Das Land der Dichter und Denker spielt in puncto Bildung nur in der 2. Liga. Politiker sind sich einig: Reformen müssen her. Erfolg versprechen sie sich von der Ganztagsschule. Doch geht die Rechnung "Mehr Zeit = Mehr Bildung" problemlos auf?
Ganztagssschule als Allheilmittel gegen den PISA-Schock?
Vier Milliarden Euro stellt die Bundesregierung zur Verfügung, damit möglichst viele Schulen ihren Betrieb ausweiten. Investitionsprogramm "Zukunft Bildung und Betreuung", kurz IZBB, nennt sich der Fördertopf, und noch bis Ende 2007 können sich Schulen um einen kleinen Happen des Milliardenkuchens bewerben.
Bereits im Antrag muss erklärt werden, was mit dem Geld im Falle der Genehmigung genau passiert. Ein bisschen Cafeteria-Ausbau hier, eine Schulbibliothek dort, alles was einen Ganztagsbetrieb vorantreibt, hat Chancen auf Fördermittel. Doch was macht am Ende eine Schule tatsächlich zur Ganztagsschule?
Die Kultusministerkonferenz hat zunächst eine Minimaldefinition festgezurrt. Danach handelt es sich streng genommen schon um eine Ganztagsschule, sobald neben dem vormittäglichen Unterricht an drei Tagen in der Woche ein mindestens siebenstündiges Angebot gemacht wird und die Kinder dazu noch ein Mittagessen bekommen.
Der Vorsitzende des Ganztagsschulverbandes, Stefan Appel, sieht darin jedoch nur den mindesten Betreuungsrahmen. "Eine solche formalistische Abrechnung, die nur über die Zeit geht und nicht über die Qualität, macht für mich Ganztagsschule nicht aus. Da haben wir dann eine Aufbewahrungsschule." Aber wie sieht die ideale Ganztagsschule aus?
Grundsätzlich muss zunächst einmal zwischen "gebundenen" und "offenen" Ganztagsschulen unterschieden werden. In der gebundenen Form wird der Pflichtunterricht auf Vor- und Nachmittage verteilt. Die Kinder und Jugendlichen nehmen ihr Mittagessen in der Schule ein, Hausaufgaben sind in den Tagesplan integriert. Sowohl für schwächere als auch besonders talentierte Kinder werden Fördergruppen angeboten, zahlreiche Arbeitsgemeinschaften runden das Ganztagspaket ab.
In der offenen Ganztagsschule findet demgegenüber lediglich am Vormittag der verbindliche Unterricht statt, Mittagessen und Nachmittagsangebote gibt es auf freiwilliger Basis.
Neben den reinen Unterrichtsschulen, die mit Halbtagskonzepten arbeiten, bildet sich somit allmählich eine Ganztagsschullandschaft in bunter Variationsbreite. Hinzu kommen in 14 von 16 Bundesländern die Gymnasien, die durch die verkürzte Schulzeit auf Pflichtganztagsbetrieb umstellen müssen. Denn wie sonst sollen bis zu 38 Wochenstunden auf fünf Tage verteilt werden, wenn nicht mit Nachmittagsunterricht?
Wichtig für Ganztagsschulen: Eine vielfältiges Pausenangebot
Dass viele Schulen dafür noch gar nicht gerüstet sind, es ihnen an Mensen, Aufenthaltsräumen und professionellem Personal mangelt, scheint erst nach und nach bei den Verantwortlichen anzukommen. Stefan Appel fürchtet, dass ein Großteil der Kollegien noch nicht erahnt, was da auf sie zukommt.
Dabei ist Konzeption und Planung bereits die halbe Miete, wenn Ganztagsschule auch Früchte tragen soll. Hinzu kommt ein nicht zu unterschätzender Bedarf an gut ausgebildetem Personal. Ein bloßes Mehr an Zeit sorgt am Ende nicht automatisch für das gewünschte Mehr an Bildung und das damit erhoffte bessere PISA-Abschneiden.
Doch wer nur auf Vergleichstests und Prestigeergebnisse schielt, verliert möglicherweise die Hauptpersonen aus dem Blick. Ein Schule wird nun einmal nicht automatisch kinder- und jugendgerecht, indem man ihr eine Mensa baut und den Schülern mehr Unterricht aufbürdet.
Stefan Appel vermisst in vielen Planungen den Spaßfaktor. Schließlich verbringen die Kinder am Ende einen erheblichen Teil ihrer Jugend in der Institution, der damit eine große Verantwortung zukommt. Woran es vielerorts noch mangelt sind Bewegungsspielbereiche, Räume für Kommunikation aber auch Plätze des Rückzugs und der Ruhe.
Was machen die PISA-Stars anders?
Ein Blick in andere europäische Länder zeigt, dass gutes PISA-Abschneiden und Ganztagsbetrieb, aber auch Gesamtschulkonzepte, in engem Zusammenhang stehen. "Wie, in Deutschland muss man jeden Tag um ein Uhr von der Schule nach Hause gehen?" Der 7-jährige Justus aus Lund in Schweden schaut erstaunt und mag es kaum glauben. Wenn seine Mutter ihn gegen 16 Uhr aus der Betreuung holt, bekommt sie regelmäßig zu hören: "Oh, du kommst jetzt schon?" An seiner Schule dauert der Regelunterricht bis 14 Uhr – um 12 Uhr gibt es Mittagessen für alle. Am Nachmittag findet in den gleichen Räumen die Freizeitbetreuung statt.
Dass die Schweden zu den PISA-Gewinnern gehören, haben sie hauptsächlich der Tatsache zu verdanken, dass das fächerübergreifende und praxisorientierte Lernen einen größeren Stellenwert einnnimmt. Transferleistungen, an denen verkopft denkende deutsche Schüler scheitern, wie sie jedoch bei den PISA-Tests verlangt werden, bereiten schwedischen Kindern kaum Probleme.
Entlastung für die Eltern: Nachmittagsangebote auf freiwilliger Basis
Mit Hilfe der Ganztagsschule könnte künftig auch der deutsche Nachwuchs in der 1. Liga der klugen Köpfe mitspielen. Pädagogen und Politiker sind sich einig, dass die traditionelle Halbtagsschule nicht genügend Zeit lässt für Inhalte abseits der reinen Wissensvermittlung. Die Ganztagsschule hingegen bietet mehr – vor allen Dingen mehr Zeit. Zeit für kindgemäße Entwicklung, für lebensnahes Lernen und bestmögliche Förderung.
Kritik kommt hingegen seitens der Eltern. Viele befürchten, dass ihre Kinder völlig "verschult" werden, andere wollen auch künftig gerne die Kontrolle über das Gelernte und die Hausaufgaben haben, gerade nicht alles "abgenommen bekommen". Für sie sind Ganztagsschulen eine Notlösung für solche Eltern, die sich am Nachmittag nicht selbst um ihre Kinder kümmern können. Also doch keine Einigkeit auf breiter Linie, wie die Politik sie mit ihren Reformbestrebungen vorgibt?
Autorin: Caroline Wornath






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