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Etikett vom SWR Foto: SWR

Grenzen der Erziehung

Die Gretchenfrage: Anlage oder Umwelteinfluss?

Wissenschaftler suchen schon lange nach Ursachen für die Unterschiede zwischen Menschen: Wie groß ist der Einfluss des Erbguts, wie groß der Einfluss der Umwelt?

Tom und Bill Kaulitz von "Tokio Hotel" Foto: picture-alliance/dpa

Was kann Erziehung leisten? Eine zentrale Frage in der Zwillingsforschung

"Gebt mir gesunde Kinder - und ich mache aus dem einen einen Pianisten und aus dem anderen einen Verbrecher." Der amerikanische Psychologe John Watson war der Meinung, dass sich Kinder nahezu unbegrenzt formen lassen, wenn man nur die "richtige" Erziehung anwendet. Utopien wie der Marxismus setzten ebenfalls auf eine schier grenzenlose Lern- und Einsichtsfähigkeit. Aber auch die genau gegenteilige Sichtweise hat eine lange Tradition. Sie besagt, dass im Grunde alle wichtigen Eigenschaften eines Menschen bereits im Erbgut festgelegt sind. Zeitweilig glaubten Forscher sogar, in Spermienzellen bereits winzige fertige Menschlein beobachten zu können.

Gene bestimmen unser Schicksal nicht

Vor allem durch Untersuchungen an eineiigen Zwillingen mit ihrem identischen Erbgut versuchen Forscher Beweise für die eine wie die andere Behauptung zu finden. Doch die Wirklichkeit ist kompliziert, hält sich nicht an das schlichte Schema "Erbgut- hier, Umwelteinfluss da". Beides gehört zusammen, so viel steht inzwischen fest. "Zwillingsuntersuchungen zeigen sehr deutlich, dass wir nicht unabhängig von unseren Genen sind", sagt der Berliner Zwillingsforscher Andreas Busjahn. Gene hätten auch auf unsere psychische Entwicklung einen sehr viel stärkeren Einfluss als man früher annahm und wahrhaben wollte. Andererseits zeigten Zwillingsuntersuchungen aber genauso, dass letztendlich die Gene nicht unser Schicksal, nicht unsere Psyche bestimmen.

Es gibt kein "Lern-Gen"

Es lässt sich nicht genau ermitteln, welche Gene wo und wie wirken, es gibt auch kein "Lern-Gen" oder Ähnliches. Fakt ist: Die genetische Grundausstattung bestimmt mit, welches Temperament ein Kind hat, ob es eher ängstlich ist oder eine Grundsicherheit mitbringt. Das sagt auch der Pädagoge Markus Höffer-Mehlmer von der Universität Mainz: "Solche Dinge gehören dazu, ohne jetzt im Einzelnen beziffern zu können, wie viel Prozent das ausmacht." Hier seien deutliche Grenzen, an die man beim besten Willen, so sehr man auch erziehen wolle, nicht rankomme.

Ein sehr schüchternes Kind wird also kaum zum Rambo und umgekehrt. "Nur Anlage"- oder "nur Umwelt"-Einfluss - solche ausschließlichen Positionen sind Schnee von gestern, so Höffer-Mehlmer. Die neuere Hirnforschung hat nachgewiesen, dass Entwicklung und Anlagen sehr eng miteinander verknüpft sind. "Das zeigt auch das Absterben und Entstehen neuer Verbindungen zwischen Nervenzellen, als die sich eine kindliche Entwicklung ja auch darstellen lässt," so der Pädagoge.

Gelassen bleiben

Müttern und Vätern empfiehlt Höffer-Mehlmer vor diesem Hintergrund vor allem eine gewisse Gelassenheit: "Eltern haben Verantwortung und sollten damit auch vernünftig umgehen und einen guten Job machen. Aber sie können nicht aus allen Kindern alles machen. Kinder sind zum einen eigenständig und zum zweiten auch eigenwillige Wesen - und deshalb sind von daher schon der Erziehung Grenzen gesetzt."

Autor: Axel Weiß

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swr | Stand: 04.04.2007
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