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Verplante Freizeit töte die kindliche Kreativität, meint Kindertherapeut Wolfgang Bergmann. Hinter vielen Terminen verberge sich gefährlicher Leistungsdruck. Dabei sollten Kinder nicht alles können müssen.
Wolfgang Bergmann
ist diplomierter Erziehungswissenschaftler und leitet das Institut für Kinderpsychologie und Lerntherapie in Hannover.
ARD.de: Sind Kindern mit managerähnlichem Terminkalender extreme Einzelfälle oder schon gesellschaftlicher Standard?
Wolfgang Bergmann: Es ist mit Sicherheit ein weit verbreitetes Phänomen. Und es ist vor allen Dingen ein Problem: Kindheit ist heute sehr viel kontrollierter und organisierter als früher. Vor einigen Jahrzehnten konnten Kinder soziales Leben lernen, ohne dabei permanent von Erwachsenen kontrolliert zu werden. Das können sie heute nicht mehr.
Was halten Sie daran für problematisch?
Freizeit ist immer mehr nicht nur mit Terminen verplant, sondern auch von Leistungen durchdrungen. In der Ballettgruppe zum Beispiel heißt es: "Du musst wenigstens mit auf die Bühne kommen." Ebenso muss der Elfmeter ins Tor. Mit der Organisation in Vereinen oder Gruppen verinnerlichen moderne Kinder den Leistungsgedanken viel zu früh.
Eltern hegen den verständlichen Wunsch, dass ihre Kinder später erfolgreich sein sollen. Da liegt es doch nahe, den Kindern möglichst früh möglicht viel mit an die Hand zu geben.
Genau das führt viele Eltern in eine Sackgasse. Untersuchungen aus der Lernpsychologie und der Gehirnforschung besagen: Je freier das Kind aufwächst, je weniger es trainiert und methodisch gefördert wird, desto intelligenter wird es. Intelligenz wächst eben nicht, indem jede winzige Regung einer Begabung sofort gezielt gefördert wird. Das Gegenteil ist der Fall, Begabung braucht Zeit zu reifen. Nach einer Weile kann sich herausstellen, dass es doch keine Begabung war. Das ist dann aber auch keine Niederlage.
Wolfgang Bergmann
Die Kunst der Elternliebe
Verlag Beltz, 2005
Wolfgang Bergmann
Das Drama des modernen Kindes. Hyperaktivität, Magersucht, Selbstverletzung
Verlag Beltz, 2006
Also mehr Laisser-faire in der kindlichen Freizeitgestaltung?
Mit der ganzen Förderei tun die Eltern ihren Kindern in der Regel nichts Gutes. Sie sollten eher schauen, so viel freie und unkontrollierte Handlungsräume zu schaffen wie möglich. Die sind in unserer Gesellschaft ohnehin begrenzt genug. Diese Freiheit brauchen Kinder aber, um Dinge nicht nur methodisch und funktionell zu erlernen, sondern um sie auch zu erfahren und zu verinnerlichen. Über emotionale Erfahrung entwickelt sich ein kreatives, mutiges Selbst - eine Voraussetzung dafür, dass sich wirkliche Begabung im späteren Leben auch durchsetzt.
Fragt man Kinder selbst nach ihren Vorlieben, wünschen sie sich eher mehr als weniger Aktivitäten. Kinder haben endlos Energie. Die Frage ist nicht, ob sie zu viel machen, sondern ob es richtig ist, dass sie dabei so eng geführt werden. Denn wohin Kinder ihre Energie lenken und was dabei ihr Wille ist, ist von den Eltern und der sozialen Kultur geprägt. Unsere Kinder verinnerlichen also unsere Leistungskultur.
Kann ich mein Kind vor dem gesellschaftlichen Leistungsgedanken bewahren?
Vorsicht ist schon im frühkindlichen Alter geboten. Wir müssen zum Beispiel schauen, dass der Kindergarten so viel Garten wie möglich bleibt, in dem der eine das eine pflückt, und der andere etwas anderes säht. So wenig methodisches Förderprogramm wie möglich – umso schlauer und selbstbewusster werden die Kinder.
Trotzdem: Die Alternativen zur verplanten Freizeit sind heute doch nicht wirklich gut. Insbesondere Stadtkinder, die sich draußen nicht frei bewegen können, haben ein Problem: die Spielkonsole, den Computer oder den Fernseher.
Das ist das große Dilemma für Eltern. Natürlich ist das Kind besser im Sportverein aufgehoben als vor dem Fernseher. Natürlich fördert gemeinsames Musizieren eine Reihe von intuitiven Fähigkeiten und erweitert die ästhetische und kognitive Intelligenz.
Die entscheidende Frage ist: Wann ist eine Grenze überschritten? Eltern müssen aufpassen, ob das Kind auch noch mehrere Stunden am Stück frei vor sich hin spielen kann. Und noch wichtiger: Eltern haben im Griff, ob das Kind mit dem Gefühl geht, etwas können zu müssen. Oder ob das Kind ein Angebot aus Spaß an der Freude nutzt und weiß: "Mama und Papa ist es völlig schnurz, ob ich in der ersten oder achten Reihe stehe oder überhaupt nicht. Ich habe starke Eltern."
Müssen Eltern heute stärker sein als früher?
Wahrscheinlich gab es tatsächlich nie eine Kindergeneration, die so stabile Eltern benötigt wie die heutige, weil die modernen Kinder der Gesellschaft nicht mehr ausweichen können. Unsere heutigen Kinder brauchen starke Eltern. Und starke, selbstbewusste Eltern wiederum brauchen und wollen kein perfektes Kind.
Gibt es frühe Signale, die Eltern auf eine erreichte Grenze aufmerksam machen?
Natürlich senden Kinder Signale, aber sie sind unspezifisch. Die Kunst, sie richtig einzuordnen, beherrschen wenn überhaupt nur die Eltern. Auf ihr unvergleichliches Empfinden für das seelische Erleben ihres Kindes müssen sie sich wieder mehr verlassen als auf Tests oder gesellschaftliche Normen. Umgekehrt gilt: Je mehr ein Kind fühlt, es wird bedingungslos geliebt, desto unwichtiger wird es für sein seelisches Gleichgewicht, ob der Elfmeter im Tor sitzt oder nicht. Und dann ist es auch egal, ob das Kind zwei Termine in der Woche hat oder fünf.
Ist verlässliche Elternliebe da, kann eigentlich nichts Schlimmes passieren. Wir müssen Elternliebe wieder mehr in unserer Kultur verankern – dann geht es den Kindern auch besser.
Das Interview führte Simone Rastelli.
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