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Mehr Zeit für die Schüler, gut ausgebildetes Personal, Kreativität und nicht zuletzt Spaß in der Schule: Stefan Appel, Bundesvorsitzender des Ganztagsschulverbandes, berichtet von den Möglichkeiten und Chancen, die Ganztagsschulen bieten.
Stefan Appel
ist seit 1985 Bundesvorsitzender des Ganztagsschulverbandes. Seit 1983 ist er Leiter der Schule Hegelsberg, einer Ganztags-Gesamtschule mit Gymnasial-, Real- und Hauptschulzweig. Autor zahlreicher Artikel und Bücher zum Thema "Ganztagsschule".
ARD.de: Die PISA-Studie hat es an den Tag gebracht: Reformen müssen her. Bundes- und Landesregierungen sehen die Ganztagsschule als Mittel des Erfolgs. Was kann Ganztagsschule tatsächlich leisten?
Stefan Appel: Viele der Schulen, die die staatliche Förderung bekommen - die berühmten 4 Milliarden, die so genannten IZBB-Mittel -, erhalten nicht das entsprechende pädagogische Personal. Sach- und Bauinvestitionen werden an vielen Schulen verbessert, aber das pädagogische Personal zieht nicht in der gleichen Menge nach.
Eine gute Ganztagsschule muss aber entsprechend ausgestattet sein. Sie muss mehr Zeit und qualitativ hochwertiges Personal haben. Dann ist Ganztagsschule sicherlich ein wirksames Mittel. Es gibt einen Schub hinsichtlich der Vermehrung von Ganztagsschulen, und es gibt auch eine Verbesserung von Schule bezüglich des PISA-Debakels, aber nicht in der Größenordnung, wie man es gerne hätte.
Was braucht eine gute Ganztagsschule?
Erst einmal prinzipiell: Wenn ich den Tag zeitlich verlängere, brauche ich mehr Personal. Abgesehen von dieser Grundversorgung braucht man gut ausgebildete Leute - und zwar nicht nur Lehrkräfte, sondern auch Sozialpädagogen, Erzieherinnen, Sozialarbeiter, Psychologen und Schulpfarrer.
Dann müssen sich der Unterricht und die Hausaufgabenpraxis ändern. Außerdem braucht man Fördermaßnahmen für gute Schüler und für Kinder mit Defiziten. Die Schule muss eine hohe Integrationskraft haben, sie muss ein professionelles Mittagessen anbieten und sie muss einen offenen und gebundenen Freizeitbereich haben. Und eine Schule mit ganztägigem Konzept ist für Freizeit-, Konsum- und Medienerziehung zuständig. Wenn sie das alles schafft, dann ist sie eine Ganztagsschule, wenn sie es nicht schafft, ist sie eine Schule mit Nachmittagsangebot.
Stefan Appel
"Handbuch Ganztagsschule. Praxis – Konzepte – Handreichungen"
Wochenschau Verlag, Schwalbach 2005
Ein Praxisband, der über Ganztagsschulmodelle, pädagogische Konzeptionen, räumliche und personelle Ausstattung, Essenssysteme und insbesondere über Umwandlungsschritte von der Halbtags- zur Ganztagsschule informiert.
Was stimmt nicht am deutschen Unterricht?
Unser Unterricht ist verkopft, er ist nicht lebensbezogen genug. Er ist nicht fächerübergreifend genug, er ist nicht innovativ und kreativ genug. Das sind die Hauptvorwürfe. Und das könnte man mit mehr Zeit ändern. Ganztagsschule bedeutet auf der einen Seite erst mal "mehr Zeit für Kinder". Auf der anderen Seite muss die Schule natürlich mit professionellen Leuten neu gestaltet werden.
Ein Mehr an Schule bedeutet nicht automatisch ein Mehr an Bildung?
Nein, man könnte sogar sagen, wenn die Schule bisher bedrückend war – und sie wird ja auch nicht besonders geliebt, so wie sie ist – dann läuft durch eine Verlängerung ja noch mehr falsch. Das, was fehlt, ist, dass unsere Schule kinder- und jugendgerecht sein muss. Es muss einem klar sein, dass man den Kindern schon rein zeitlich gesehen in einer Ganztagsschule einen Teil ihrer Jugend nimmt.
Und dann hat die Ganztagsschule naturgemäß eine hohe Verantwortung, in der vermehrten Zeit etwas Vernünftiges zu tun, und das spricht eindeutig gegen Verschulung. Im Bereich der Freizeitpädagogik tut sich beispielsweise in den neuen ganztägig geführten Schulen im Augenblick zu wenig. Das hängt natürlich auch mit der PISA-Debatte zusammen. Es wird dauernd geschaut: mehr Leistung, mehr Lebensbewältigungsmöglichkeiten, lebenslanges Lernen. Auf Bedürfnisse oder gar den Spaßfaktor wird dabei nur wenig geachtet.
Mehr Spaß in der Schule - durch Spiele wie Tischfußball
Wie bringt man mehr Spaß in die Schule?
In eine Ganztagsschule gehört beispielsweise auch ein Raum, in dem man laute Musik hört, also eine Disco, ebenso ein Raum, in dem man Tischspiele spielen kann. Die gesamte Spielpädagogik, die bekanntlich persönlichkeitsbildende Inhalte zum Ziel hat, wird zu wenig verfolgt. Es fehlt vielfach das Verständnis dafür, dass Kinder Kommunikationsbedürfnisse haben, dass Kinder sich zurückziehen oder Bücher lesen wollen.
Meine große Sorge ist, dass die Schulausstattung die Kinderbedürfnisse nicht abbildet. Man kriegt eine Cafeteria, man bekommt einen Speiseraum, und dann hört es an vielen Schulen schon auf. Und natürlich braucht man wesentlich mehr. Man stelle sich vier Wochen Regen vor. Das heißt, die Kinder brauchen Tischtennis, Billard, Tischfußball, Airhockey usw., um sich bewegen zu können.
Ein großes Thema ist die Chancengerechtigkeit. Welche Vorteile bietet die Ganztagsschule hier?
Da kann sie eine Menge tun – keine Frage. Zum Teil gehört jedoch auch ein Umdenken von Bildungspolitikern und Pädagogen dazu. Wir kümmern uns beispielsweise nicht genug um Kinder mit Talenten. Immerhin haben wir inzwischen begriffen, dass es nicht nur um Unterschichtkinder und Defizite in der Schule geht, sondern auch um Leistungsstärken und Begabungen. Aber was die Kreativität anbelangt, darauf ist gegenwärtige Schule immer noch nicht angelegt.
Wir haben die Schule hingegen in kopflastige Fächer zerhackt und versuchen nun, das Wissen in die Köpfe hinein zu kriegen. Die Hirnforschung teilt uns allerdings mit, dass man so nicht lernen kann. Schon gar nicht acht bis zehn Stunden am Stück, wie das jetzt in den Gymnasien durch die Verkürzung des Bildungsganges passiert.
Eltern, besonders die Mütter sollen entlastet werden. Frauen soll die Erwerbsarbeit leichter ermöglicht werden. Aber wie sieht es aus mit der familiären Erziehung? Was kann die Ganztagsschule als Unterstützung bieten?
Heute sieht man Ganztagsschulen als familienergänzende Institution, nicht als familienersetzende Institution. Das ist aber auch eine Frage der gesellschaftlichen Struktur und der daraus resultierenden Bedürfnisse. Also, wenn ich eine intakte Familie habe, die Mutter wäre zu Hause, der Vater käme vielleicht am späten Nachmittag und die Geschwisterkinder wären auch noch da, dann brauchte man zumindest vom betreuenden Faktor her keine Ganztagsschule.
Aber wenn wir sehen, dass sich die Gesellschaft verändert hat, dass viele Frauen allein erziehend sind, dass viele berufstätig sind, dass wir Patchworkfamilien haben, dass wir jede Menge Scheidungskinder haben, dann wird Schule zum Ort der "sozialen Geschwister". Dazu gehört auch, dass die Eltern ihre Kinder nicht einfach in der Schule abgeben und sagen "Macht mal". Solche Eltern wird es zwar leider auch geben, doch da hätte die Ganztagsschule eine falsche Wirkung, weil sie die Eltern aus der Verantwortung entlässt.
Die Bibliothek: ein Muss für eine gute Ganztagsschule
Wie sieht die Elternrolle in der Ganztagsschule aus? Ist Mitarbeit erwünscht? Unerwünscht?
Die Ganztagsschule braucht die Eltern. An vielen Schulen ist das auch so, die Eltern sind sehr stark einbezogen. Wir nennen das Partizipation, das heißt, die Eltern gestalten mit. Zum Teil wirken sie mit, zum Teil übernehmen sie in den Freizeitbereichen bestimmte Rollen. Es gibt Schulen, in denen die ganze Mittagessenversorgung über die Eltern abgewickelt wird.
Aber es gibt auch Schulen, in denen sich Eltern zurückziehen. Und in sozial schwachen Räumen kommt es natürlich eher vor, dass sich die Eltern weniger sehen lassen und man sie auch schlechter einbinden kann. Aber dann sind die Kinder wenigstens in einer Lebensschule, in der sie sozusagen familienergänzend Unterstützung, soziale Einbindung und Persönlichkeitsstärkung erfahren.
Wenn Eltern Ihnen sagen: "Ganztagsschule, das passt nicht in unser Familienkonzept." Was antworten Sie?
Sie sollten sich einfach eine Ganztagsschule suchen, die im offenen Angebot arbeitet. Ich bin, obwohl ich Vorsitzender des Ganztagsschulverbandes bin, nicht für die Abschaffung der Halbtagsschule. Wir sind in Deutschland ein Halbtagsschulland und die Umstrukturierung muss langsam erfolgen und so, wie sie die Bevölkerung will. In einer offenen Ganztagsschule bleibt der Unterricht nämlich am Vormittag liegen und nachmittags werden Hausaufgabenbetreuung, Fördermaßnahmen und Projekte angeboten. All das kann man anwählen oder man kann es lassen, so dass die Ganztagsschule nicht einengend wirkt.
Und die Eltern, die meinen, sie sollten ihre Kinder dann zu anderen Aktionen schicken, die sollten das tun. Es ist allerdings die Frage, ob die Schule nicht das anregendere Angebot hat.
Durch die Einführung von G 8 in 14 von 16 Bundesländern werden Schulen automatisch zum Ganztagsbetrieb, ohne dafür gerüstet zu sein. Wie kann man da Abhilfe schaffen?
Auf den letzten Metern hat man das zumindest bei einem erheblichen Teil der Bildungsverantwortlichen begriffen. Das heißt, die Gymnasien fangen langsam an, sich zu bewegen. Von den Bundesmitteln sind jetzt noch einige umgeleitet worden in die Gymnasien. Dennoch vermute ich, dass die Kollegien hier in der Mehrheit noch nicht erahnen, was auf sie zukommt. Da die Gymnasien schon immer ein bisschen Nachmittagsunterricht hatten, glauben viele, das schon hinzukriegen.
Dabei übersehen sie, dass sie in einem fünfzügigen Gymnasium im 1. Jahr während der Mittagspause 150 Kinder auf den Gängen sitzen haben, im 2. Jahr 300 und im 3. Jahr schon 450. Wenn Sie die natürlich alle verschulen und lassen keine Pausen zu, dann haben Sie optisch das Problem nicht. Aber wer hält denn das aus? Wer hält eine berufliche Fortbildung aus, sieben, acht Stunden hintereinander mit wechselnden Referenten? Die Kinder werden abschalten, verweigern oder das Gehirn macht einfach dicht.
Ein Blick ins Ausland: Welches Ganztagsschulsystem gefällt Ihnen persönlich am besten?
Man kann die Schulsysteme anderer Länder zwar nicht übertragen, aber am nächsten kommen meinen pädagogischen Vorstellungen die Schweden. Die Schweden strukturieren den Tag besser. Sie haben das fächerübergreifende Lernen, das Lebenslernen besser im Griff.
Die Schweden sind nicht so vorschriftenabhängig, so kleinkariert in den Vorgaben, wie wir sie haben. Das funktioniert alles offener. Sie haben eine gute Lehrerversorgung und auch das Paradigma von Schule ist anders; das heißt, die Kinder werden dort abgeholt, wo sie stehen, während das deutsche Schulsystem im Moment immer noch darauf ausgerichtet ist: Du bist an der falschen Schule, wenn du nicht mitkommst.
Ein Blick in die Zukunft: Wie sieht die Schullandschaft 2040 aus?
Es wird weiter Halbtagsschulen geben. Sie werden sich aber verändert haben, und unter Halbtagsschule wird man nicht mehr Schule bis 13 Uhr verstehen, sondern an zwei oder drei Nachmittagen wird auch etwas sein. Ich glaube auch, dass man pädagogisch wieder besonnener wird. Im Moment gibt es eine starke Entwicklung alles zu überprüfen, in Frage zu stellen, zu kontrollieren - evaluieren nennen wir das.
Da übertreiben wir es mal wieder in deutscher Manier. Das, was wir jahrelang in der Bundesrepublik haben schleifen lassen - nämlich viel den Lehrkräften überlassen, wenig Kontrolle, viel Elternrecht -, das schlägt jetzt andersherum zu Buche, es wird überreguliert und überkontrolliert.
Ich glaube, dass es zukünftig eine etwas vernünftigere Schulpolitik geben wird. Es wird mehr ganztägig arbeitende Systeme geben als bisher und das Halbtagsschulwesen wird langsam abnehmen. Aber wir werden 2040 noch kein Ganztagsschulland sein.
Das Interview führte Caroline Wornath.
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