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Das deutsche Bildungssystem steht auf dem Prüfstand. Die Politik will die deutschen Schulen leistungsfähiger machen – mit Tests, Vergleichen und mehr Konkurrenz. Experten werden konsultiert, Lehrer und Schüler bleiben hingegen ungefragt.
Lesen - ein Schlüssel zu Wissen und Bildung
Von Maßnahmen und Messungen
Seit der ersten internationalen Schulleistungsstudie PISA 2000 hat sich im deutschen Bildungswesen viel getan. Die Kultusminister haben mit einem Maßnahmenkatalog reagiert und Reformen eingeleitet: Das Zentralabitur ist nahezu bundesweit die Regel, Haupt- und Realschüler werden in einigen Bundesländern bald gemeinsam die neue Regionalschule - die Zusammenlegung von Haupt- und Realschulen - besuchen und die Offene Ganztagsschule ist vielerorts Realität.
Leistungsstudien und Vergleichstests haben seit PISA Konjunktur. "Im Klassenzimmer ist nach meiner Einschätzung noch so gut wie gar nichts geschehen", berichtet Prof. Dr. Hilbert Meyer, Schulwissenschaftler an der Uni Oldenburg, "ansonsten hat sich die Kultusministerkonferenz darauf verständigt, erst einmal genauer zu messen".
"Ergebnisorientierte Lernkultur"
Sie heißen Vera, Lau, Ulme, Tosca – vergleichende Leistungstests und Langzeitstudien, die nicht nur Einsicht in das Bildungsniveau an deutschen Schulen versprechen. Sie sollen - wie auch das Zentralabitur - eine Kontrollfunktion haben und Mittel sein, die Leistungsfähigkeit deutscher Schulen zu steigern. Die heutige Bundesbildungsministerin Annette Schavan, forderte bereits 2001: "Eine stärker ergebnisorientierte Lern- und Unterrichtskultur muss Ziel aller Maßnahmen sein". Schluss also mit einer theoretischen, lebensfernen Bildung?
Die Studien-Ergebnisse der OECD haben hierzulande wie ein Schock gewirkt. Die Medien präsentierten die Ergebnisse zunächst als reines Ranking: eine internationale pädagogische Bestenliste, die Champions-League europäischer Bildungseinrichtungen, in der die deutschen Schüler gegenüber den skandinavischen Leidgenossen schlecht abschnitten.
Rankings für mehr Transparenz und Konkurrenz
Bildungserwerb ist spätestens seit PISA ein Wettstreit, ein Spiel mit Siegern und Besiegten. Nicht die Beseitigung der in der Studie monierten sozialen Schieflagen und die Einführung einer neuen Förderkultur wurden die zentralen Themen der Politik. Hauptmotivation aller Maßnahmen wurde die Vorstellung, man müsse wieder an die Spitze der internationalen Bildungs-Liga. Der Wille zur Reform entspringt aus diesem ständigen Messen und Sich-Messen.
Der Wettstreit ist gewollt – von Politikern und Wissenschaftlern. Und dieser braucht Transparenz. So spricht sich Wilfried Bos, Schulentwicklungsforscher an der Universität Dortmund, entschieden für Schulrankings aus, denen "faire" wissenschaftliche Messungen der Leistungen vorangehen: "Die Eltern haben ein Recht darauf, zu wissen, wie gut die Schule ist, auf die sie ihre Kinder schicken". Ohne Tests der Schülerleistungen und die Veröffentlichung der Ergebnisse sei das kaum möglich, so Bos.
Schulporträts im Internet – Ein neuer Marktplatz?
Die Idee des Rankings, das Transparenz schafft, nehmen einige Bundesländer ernst. In Schleswig-Holstein beispielsweise ist seit Anfang des Jahres jede Schule dazu verpflichtet, künftig ihr Porträt ins Internet zu stellen. Diese Porträts werden auch die Ergebnisse der PISA-Studie und anderer Vergleichstests beinhalten.
Zudem gibt das Angebot Auskunft über die Anzahl von Sitzenbleibern und den sprachlichen Hintergrund der Schüler. Solche Vergleichsmöglichkeiten bietet Sachsen bereits Eltern und Schülern. Auch in Brandenburg werden Online-Porträts eingeführt.
Der Druck auf die Schulen steigt dadurch. Schüler und Lehrer werden einer ständigen Kontrolle ausgesetzt. Während aber bei Vergleichsstudien Bildungsprofis kontrollieren, sind es bei den Internet-Porträts in erster Linie Eltern und Schüler, die in der Mehrzahl schulpädagogische Laien sind. Die neue Transparenz fördert also einen Wettbewerb, der sich an ganz anderen Maßstäben als an rein pädagogischen orientiert – nämlich an denen der Eltern.
Keiner fragt die Lehrer
Schavans "ergebnisorientierte Lernkultur" wird auf diesem Wege zu einer Lernkultur, die zum Ziel hat, Schüler auf das Bestehen von Leistungstests vorzubereiten, um bei vergleichenden Studien und anschließenden Rankings gut dazustehen. Das aber hieße doch wieder: Lernen für die Prüfung, nicht Lernen für das Leben.
Gegen eine "hysterische Quartals-Testeritis" wehrt sich der Deutsche Lehrerverband. Dessen Präsident, Josef Kraus, findet, dass in Sachen Bildung dringend wieder eine intellektuelle und inhaltliche Unterkellerung nötig sei: "Bildung ist erheblich mehr, als PISA misst", so Kraus, "Bildung hat einen übernützlichen Wert, bedeutet gerade auch Förderung individueller und Vermittlung kultureller Identität".
Im Fokus von PISA und Co.: Schulleistungen verbessern
Wer setzt die Maßstäbe?
Der Imageschaden für den Lehrerberuf ist infolge der PISA-Studie beträchtlich. Die Datensammler haben die Diagnosefähigkeiten der Lehrer infrage gestellt. Nur bei weniger als 15 Prozent der im Lesetest als "potenzielle Risikoschüler" eingestuften 15-Jährigen erkannten die Pädagogen die Leseschwäche.
Die starke Abweichung der Einschätzungen der Lehrer von den Studien-Ergebnissen kann ebenso zu der Frage führen, ob nicht möglicherweise die PISA-Tests nur schlechte Diagnosen ermöglichen. Das PISA–Konsortium interpretiert das hingegen als Hinweis, dass Lehrer "möglicherweise nicht ausreichend darauf vorbereitet sind, schwache Leseleistungen zu diagnostizieren".
Doch wer bestimmt eigentlich die Maßstäbe für Leistungstests? Die OECD, die Kultusminister, Schulbehörden oder doch die Lehrer? Wer legt fest, welche Leistungen Schüler erbringen sollen, wie eine gute Bildung aussieht? Durch die neue Transparenz und Freiheit in der Wahl der Schule bestimmen zunehmend die Eltern indirekt das Angebot der Schulen mit.
Es geht um die Schüler!
Der Wettbewerb um die Gunst der Eltern kann leicht zum Hauptkriterium bei der Neuausrichtung von Bildungsangeboten werden. Dabei geht es auch um Standortvorteile in der Wissensgesellschaft. Bildung ist jedoch mehr als nur Wissen und braucht Zeit. Zeit um über den Stoff nachzudenken, ihn einzuschätzen, um Ziele zu fassen und sie umzusetzen.
Bildung heißt nicht, die Rahmenbedingungen des Schulwesens durch neue Gesetze zu reformieren. Individuelle Förderung von Schülern heißt auch nicht, die Lehrerausbildung umzustrukturieren. "Es geht zunächst um den genauen Blick auf den einzelnen Schüler", sagt Prof. Dr. Andreas Schleicher, der Leiter der PISA-Studie. "Individuelle Förderung heißt Umgang mit Verschiedenheit."
Aber geht es bei der Schulbildung nicht um Kinder und Jugendliche, die mehr als nur Variablen einer Erfolg versprechenden Bildungsformel der Kultusminister sind? Schüler unter Leistungsdruck zu setzen, ist der falsche Ansatz. Schüler müssten motiviert werden selbst zu lernen, um in der Gesellschaft eine Chance zu haben, so Schleicher.
Denn Kinder wollen die Welt verstehen, sie wollen lernen und in Frage stellen und nicht nur auf die spätere Erwerbsarbeit vorbereitet werden. Das wissen auch die Lehrer. Aufgrund ihrer Erfahrung im täglichen Umgang mit Kindern sind sie die eigentlichen Experten in Unterrichtsfragen.
Auch die PISA-Forscher wissen, dass der Schlüssel zu besseren schulischen Leistungen im Unterricht liegt - und nicht in Systemveränderungen im Bildungswesen. Die Kultusminister sollten daher mehr den Lehrern vertrauen und auf die Schüler hören, denn um deren individuelle Förderung geht es.
Autor: Daniel Koch






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