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Etikett vom ndr Foto: NDR

Kinder und Freizeit

"Bis Mai ist bei mir alles voll"

Schule, Sport, Musik: "Kinder müssen gefördert werden", sagen die einen. "Totaler Leistungsdruck", meinen die anderen. Die Kinder selbst lieben offenbar die Vielfalt. Um Grenzen sorgen sie sich selten.

"Der Montag ist toll", sagt Hannah, "da gehe ich direkt nach der Schule reiten." Zwischendurch gibt es zwar nur ein Brot auf die Hand, und die Hausaufgaben müssen am Abend gemacht werden. Aber um mit Pferden zusammen zu sein, nimmt die 11-Jährige spätes Lernen und einen Tag ohne Pausen gerne in Kauf. Den Dienstag liebt Hannah dagegen nicht so: Sieben Stunden Schule, eine Viertel Stunde später beginnt bereits der Klavierunterricht, danach noch Hausaufgaben: sieben Stunden, fünf Fächer - macht in der Regel auch fünf verschiedene Aufgaben. Bevor sie mit denen anfängt, ist es bereits 16.30 Uhr.

Terminkalender wie ein Manager

Ein Arbeitnehmer hätte nach diesen 8,5 Stunden jetzt Feierabend – und eine gepflegte Mittagspause zwischendurch gehabt. Hannah sieht es pragmatisch: "Meistens bin ich kaputt und versuche, die Hausaufgaben noch irgendwie hinzukriegen. Wenn ich mich gar nicht mehr konzentrieren kann, mache ich halt nur die Sachen, die ich für den nächsten Tag brauche."

Klavier mit Stofftieren Foto: NDR

Klavier üben zwischen Schule und Hausaufgaben

Im Lauf der Woche folgt das Basketball-Training, in der Streicherklasse der Schule spielt Hannah noch Bratsche. Eine Faustregel besagt, eine Viertelstunde tägliches Üben gehöre zum Erlernen eines Instruments oder auch einer Sprache dazu. In Hannahs Fall käme für Englisch, Französisch, Klavier und Bratsche am Tag locker eine Stunde zusammen. Die Sechstklässlerin schmunzelt: "An manchen Tagen vergesse ich davon einfach was."

Vier Kinder, vier Wochen – keine Chance

Büffeln für Klassenarbeiten oder Referate sind in den vielen kleinen Viertelstunden noch nicht enthalten. Und wie eng ein jugendlicher Wochenplan wirklich gepackt ist, wird deutlich, wenn mehrere Kinder an einen Tisch geholt werden sollen – außerhalb der Schulzeiten. Ein Biologie-Referat sollten die Sechstklässler erstellen, in Gruppen zu je vier Kindern. "Es war nicht möglich", seufzt Hannahs Mutter, "bis die Gruppe dann noch einmal geteilt worden ist. Ein gemeinsamer Termin war in vier Wochen nicht zu finden. Niemand wollte etwas anderes dafür aufgeben."

Doch noch bilden die Kinder mit prall gefüllten Terminkalendern nicht die Mehrheit. Die letzte Zeitbudgeterhebung des Statistischen Bundesamts gibt an, dass zwei Drittel aller Zehn- bis 18-Jährigen so gut wie gar keinen Sport in ihrer Freizeit treiben. Das verbleibende Drittel hingegen ist sportlich so aktiv, dass es den gesamten Durchschnitt auf zwei bis zweieinhalb Stunden Bewegung täglich hebt. Relativ wenig Kinder absolvieren ein Programm, das locker für alle deutschen Kinder reichen würde. Vor allem Kinder aus bildungsnahen und wohlhabenderen Schichten scheinen hier besonders gefordert zu sein - und die finanziellen Mittel für viele der Freizeitaktivitäten wie Musikstunden und Sportvereine zu haben.

Freundschaftspflege mit High-Speed-Verbindung

Eines dieser Kinder ist die 13-jährige Josephine. Viermal Tennistraining in der Woche, dreimal Hockey, musikalischer Ausgleich: der Schulchor. Stress? Fehlanzeige, sagt zumindest die Familie. Die Beteiligten haben im Lauf der Jahre gelernt, eigene Bedürfnisse trotz des straffen Programms zu berücksichtigen. Uschi Andresen gehört nicht zu den Müttern, die sich als Chauffeur ihrer Kinder sehen. "Als meine Töchter neun, zehn Jahre alt waren, habe ich gesagt: Ihr könnt machen, was ihr wollt. Aber ihr müsst die Wege im Prinzip alleine bewältigen können." Josephine und ihre Schwester lösen die Bedingung ein – für ihre Mutter ein Beweis dafür, dass ihre Kinder tatsächlich auch wollen, was sie tun: "Man kann den Hund ja nicht zum Jagen tragen."

Und so jagt Josephine mit eisernem Willen durch ihren Dienstag. Nach der Schule hat sie zwar anderthalb Stunden Zeit für ein warmes Essen und Hausaufgaben, doch dann: 15 bis 16 Uhr Tennistraining, 16 bis 17 Uhr Konfirmandenunterricht, 17 bis 18.30 Uhr Hockeytraining. Die Trainingskleidung behält sie die ganze Zeit über an. Und Freunde? "Mit denen chatte ich zwischendurch oder bevor ich schlafen gehe. Oder wir treffen uns am Wochenende."

"Hockey ist gut für den Gemeinschaftssinn"

Turmspringen, Ballett, Geige, Flöte, Klarinette und Klavier – viel hat Josephine bislang ausprobiert, verzichten will sie im Moment jedoch auf nichts: "Beim Tennis als Einzelsport stehe ich auf dem Platz und muss alleine kämpfen, alleine durch das Spiel kommen. Und Hockey ist ein Mannschaftssport, gut für den Gemeinschaftssinn." Ab und zu schaut sie verlegen nach unten, ihre Hände liegen ruhig im Schoß.

Den eigenen Ehrgeiz findet Josephine gut, der mache sie mutiger als manche Mitschüler. Und wenn die Woche neun statt sieben Tage hätte, würde sie in der zusätzlichen Zeit weder vor dem Fernseher hängen noch Füße und Seele baumeln lassen. "Hip-Hop würde ich gerne mal ausprobieren", sagt das schlanke Mädchen. Ein Kontrastprogramm zur Niedersachsen-Meisterschaft, für die der Hockey-Verein gerade trainiert.

Karten immer wieder neu mischen

Für Hannah hingegen ist der Druck immer zu groß geworden, wenn die Vereine auf Wettkämpfe zusteuerten: "Es hat mir keinen Spaß mehr gemacht. Ich muss ja schon in der Schule Leistung bringen." Turnen, Leichtathletik und Schwimmen hat sie daher aufgegeben und probiert statt dessen immer mal wieder etwas Neues aus, wie jetzt das Reiten und Basketball.

Auch die Klavierstunden standen mehrmals zur Diskussion, mit gemischten Gefühlen vor allen Dingen auf der Elternseite "Aber ich weiß auch, dass gerade bei Instrumenten oft der persönliche Ehrgeiz der Eltern dahinter steckt", gesteht die Mutter. "Man muss sich also schon überlegen, für wen das Kind überhaupt übt." Hannah sollte also selbst entscheiden - die Klavierstunde bleibt.

Die Persönlichkeit entscheidet

Stattdessen hat die Familie eine andere Entscheidung gefällt: Hannah kommt auf eine integrierte Gesamtschule, wo das Abitur nun in halbwegs entspannten 13 statt 12 Jahren möglich ist. Die Streicherklasse und das Bratscheüben fallen schon mal weg. Weiter wird an Hannahs Freizeitprogramm jedoch nicht gerüttelt. Ihre Mutter ist überzeugt: "Der Ausgleich zur Schule muss sein, neben Lernen und Arbeiten soll es doch auch noch Spaß geben."

Auch Josephines Nachmittags-Programm wird vorerst bleiben wie es ist. Einen Stressfaktor kann ihre Mutter in den vielen Aktivitäten nicht sehen: "Wenn die Kinder ihren Hobbys mit Leidenschaft nachgehen, empfinden sie das nicht als Anstrengung. In dem Moment ist das für sie Erholung."

Autorin: Simone Rastelli

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ndr | Stand: 04.04.2007
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