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Etikett vom SR Foto: SR

Kinder wollen lernen

Warum um Himmels Willen Lehrer werden?

Was Lehrer am Beginn ihrer Laufbahn erwartet, ist mit "Sprung ins kalte Wasser" nur unzureichend beschrieben. Von Praxisschock ist die Rede. Der Grund liegt in der Ausbildung. Für viele Lehrer kommt der pädagogische Ernstfall viel zu spät und völlig unvorbereitet.

Junger Vertretungslehrer vor Schulklasse Foto: picture-alliance/dpa

Auf junge Lehrer wartet am Beginn ihrer Laufbahn der "Praxisschock"

"Man fängt an zu unterrichten, ohne darauf vorbereitet zu sein", beschreibt der Deutsch- und Englischlehrer Stefan Kämmer seine Erfahrung. "Da war kein einziges Uni-Seminar, das mir geholfen hätte", so Kämmer. Auch für ihn war das Referendariat, in das alle angehenden Lehrer nach dem 1. Staatsexamen müssen, ein Praxisschock.

"Man steht dann plötzlich auf der Bühne. 150 bis 200 Kinder betrachten einen den ganzen Tag", sagt Kämmer. "Ich musste mir vieles selbst beibringen." Die erste richtige Station im neuen Beruf führte ihn an eine erweiterte Realschule -  eine Kombination aus Haupt- und Realschule - in Saarbrücken-Malstadt.

Nachhilfe für die Lehrer

Unabhängig von Kämmers Studienfächern standen jetzt plötzlich auch noch Biologie, Erkunde und Französisch auf seinem Stundenplan. Damit nicht genug. Er fand sich an einem sozialen Brennpunkt wieder. "Das war der Horror", sagt er. Geholfen hat schließlich die Sozialpädagogin der Schule. Einmal pro Woche gab es für den jungen Lehrer praktische Tipps, Mediation und auch Anti-Aggressionstraining. "All das, was vorher gefehlt hat", so Stefan Kämmer.

Unter dem so genannten Praxisschock litt nicht nur er. Die Foren der Internetseite referendar.de sind voll mit Einträgen angehender Lehrer. Das Internetangebot ist das Ergebnis einer Arbeitsgruppe bayerischer Lehramtsreferendare und wurde 1999 als Mittel zur Selbsthilfe ins Leben gerufen. Lehrer sollen zwar alles möglich beibringen, doch sie selbst - so die vielfache Klage - kämen bei der Ausbildung viel zu kurz: Auf dem eigenen Lehrplan fehle während der jahrelangen Hochschulausbildung die Praxis.

Parallelwelten in der Ausbildung

Die Lehrerausbildung in Deutschland basiere auf einem Systemfehler, so Andreas Keller. Der für die Hochschulen zuständige Bundesvorstand der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) kritisiert vor allem die Zweigliedrigkeit der deutschen Lehrerausbildung. Sie trage Mitschuld an der viel beklagten Schulmisere. "Theorie und Praxis finden isoliert statt. Gerade das Referendariat am Ende der Hochschulausbildung ist zu wenig mit dem Studium verzahnt."

Für die Ausbildung in den Hörsälen sind ausschließlich die Hochschulen zuständig, für die Referendariate eigens dafür geschaffene und unabhängige Studienseminare. "Und niemand will sich in seinen Bereich reinreden lassen", beschreibt Keller das Dilemma. Leidtragende sind die angehenden Lehrer - und damit am Ende auch die Schüler.

Auch für Prof. Johannes Wildt vom Hochschuldidaktischen Zentrum der Uni Dortmund ist die Lehrerbildung in zwei Institutionen das "große Problem". Er verweist auf Skandinavien - wie so oft, wenn es etwas besser zu machen gilt. "Dort hat man sich von der Zweigliedrigkeit verabschiedet", sagt Wildt. Das Lehramtsstudium hierzulande müsse dringend reformiert werden. Es fehlten Bildungsstandards bei der Qualifikation des pädagogischen Personals. Der Umgang mit Kindern und Jugendlichen komme oft nur am Ende und am Rand der Ausbildung vor. "Stattdessen gibt es an vielen Hochschulen eine Wissensvermittlung im Vorlesungsstil", so seine Kritik.

Minister beschäftigen sich mit technischen Details

Zwar beschäftigt sich zurzeit die Kultusministerkonferenz mit der Lehrerausbildung, doch stehen vor allem formale Aspekte auf der Tagesordnung der Landesminister. Ihnen geht es, wie bei allen anderen Studiengängen, um die Einführung der in Deutschland noch immer wenig geliebten akademischen Titel "Bachelor" und "Master". Die Lehrer sollen also zukünftig nicht mehr mit einem Staatsexamen in der Tasche die Uni verlassen. An den Inhalten allerdings wird vorerst nicht gerührt.

Doch das könnte sich in näherer Zukunft ändern. Zurzeit stellen Wissenschaftler einen weltweiten Vergleich der Lehrerausbildung an. Bis 2009 soll die "Teacher Education Study" (TEDS) fertig sein. In 16 Ländern - darunter auch Deutschland -  wird von der IEA zunächst nur die Ausbildung von angehenden Mathematiklehrern unter die Lupe genommen. Die Organisation sorgte bereits mit der IGLU-Grundschulstudie und der TIMMS-Untersuchung über das Mathematikwissen von Schülern für Schlagzeilen. Eine Fragestellung der neuen Studie ist nun, ob und wie sehr die Hochschulausbildung den Lehrern beim Unterrichten hilft.

Zurück zur Praxis

Um den Praxisschock der Lehrer im Referendariat oder am Anfang der eigentlichen Berufslaufbahn zu vermeiden, helfen sich etliche Hochschulen inzwischen selbst. Das Saarbrücker Zentrum für Lehrerbildung als Teil der Universität beispielsweise betreut zurzeit 1800 angehende Lehrer. Vor allem sorgt die zentrale Einrichtung in Deutschlands kleinstem Bundesland dafür, dass die Studenten rechtzeitig erfahren, was sie im Klassenzimmer erwartet.

Lehrerin vor Klassenzimmer Foto: picture-alliance/dpa

Zurück zur Praxis: Angehende Lehrer sollten den Schulalltag frühzeitiger kennen lernen.

Schon nach dem ersten oder zweiten Semester geht es für die Lehramtsstudenten für eine fünfwöchige Schnupperphase in die Schulen. "Uns ist wichtig, dass sie Schule aus der Lehrerperspektive wahrnehmen und hinterher auch wirklich wissen, ob das etwas für sie ist," sagt Bettina Schwandt vom Zentrum für Lehrerbildung. Das Praktikum wird durch Uni-Dozenten mit einem Blockseminar intensiv vorbereitet. Auch während ihres Schulbesuchs werden die Studenten betreut. Am Ende wird die Zeit gemeinsam analysiert. Rund 350 der vom Zentrum betreuten Studenten sind noch am Studienanfang. "Gut zehn Prozent von ihnen werfen nach dem Orientierungspraktikum von sich aus das Handtuch."

Ihnen bleibt so die viel zu späte Erkenntnis im Referendariat oder beim Berufsbeginn erspart, auf das falsche Pferd gesetzt zu haben. Das Zentrum für Lehrerbildung organisiert zudem noch zwei fachdidaktische Praktika. Sie dauern nochmals jeweils vier Wochen.

Für Stefan Kämmer kam das Modell zu spät. Doch er hat nicht aufgegeben. "Das kam auch nicht in Frage. Ich mag diesen Beruf viel zu sehr", sagt der 37-Jährige. Er stellte einen Versetzungsantrag und unterrichtet jetzt an einem Gymnasium. An seinem alten Arbeitsplatz musste ein anderer Kollege ins kalte Wasser springen.

Autor: Martin Schindel

  • Kommentare
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Dr. Christa Lamberts-Piel | 21.04.2007 | 21.14 Uhr
Ich bin jetzt im 13. Jahr Gymnasiallehrerin und betreue auch seit Jahren Referendare. Die seltsam unerklärliche Zweigliedrigkeit der Ausbildung, die fachliche Überqualifizierung bei pädagogischer Ahnungslosigkeit nach dem Studium, der Praxisschock - alles wahr. Die Erfahrung zeigt aber auch: Man hat das pädagogische "Händchen" oder man hat es nicht. Das eigentliche Problem liegt darin, dass man, wenn man nach 8 Jahren Ausbildung merkt, nicht damit gesegnet zu sein, kaum noch Alternativen hat. Manch einer dieser Unglücklichen muss dann den Lehrerberuf ausüben, zu einem eigenen Schaden und dem seiner Schüler.
Roswitha | 21.04.2007 | 17.43 Uhr
Eignungsprüfungen für das Pädagogikstudium fehlen gänzlich und wären wichtig. Schließlich bestimmt doch schon ein gewisses Persönlichkeitsprofil, ob aus dem Studienwilligen ein LEERER, oder ein PÄDAGOGE mit HERZ, Kopf und Hand werden kann.
Österreicher | 21.04.2007 | 17.08 Uhr
Ich mache ebenfalls in wenigen Wochen mein Abi und strebe ein Lehramtsstudium an. Ehrlich gesagt finde ich es super, dass in Deutschland schon auf Bachelor und Master umgestellt ist. Ich überlege aus diesem Grund sogar in München zu studieren. Das neue System finde ich super, da dadurch internationale Vergleichbarkeit gegeben ist. Es ist auch gut bis zum Bachelor noch Bedenkzeit zu haben, da sich feste Berufswünsche in 3 Jahren ändern können.

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SR | Stand: 12.04.2007
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