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Etikett vom ndr Foto: NDR

Erziehung

"Schule, bitte übernehmen!"

Sind unsere Schulen überfordert, weil sie immer mehr Erziehungspflichten übernehmen müssen? Der Erziehungsauftrag der Schule ist längst nicht mehr eindeutig, die Ansprüche der Eltern wandeln sich. Was soll und was kann Schule eigentlich leisten?

Der offizielle Auftrag der Schule ist es, eine Stätte von Bildung und Erziehung zu sein. Sie soll im Rahmen der Schulgesetze Schüler zu mündigen Bürgern erziehen. Erziehung heißt hier Erziehung zu Selbstständigkeit und sozialer Verantwortung. Das kann Schule nicht allein, sondern sie ist dabei auch auf die Mithilfe der Eltern angewiesen. Denn Erziehen ist laut Grundgesetz auch Recht und Pflicht der Eltern. Eine solche Aufgabenteilung erzeugt ein Spannungsverhältnis, das sich an folgenden Tendenzen ablesen lässt: Schule muss einerseits immer mehr Aufgaben der elterlichen Erziehung übernehmen – andererseits wollen und sollen Eltern immer mehr mitreden.

Überforderung der Lehrer

Beklagt wird der Erziehungsnotstand in vielen Familien, ein Verfall der Werte bei den Kindern auf der einen und die zunehmende Belastung von Lehrern durch fachfremde - vor allem sozialpädagogische - Aufgaben auf der anderen Seite. Skandale wie der Fall der Rütli-Schule oder der andauernde PISA-Schock offenbaren grobe Fehlleistungen im deutschen Bildungssystem. Die Lehrer sollen nicht nur die Leistungen ihrer Schüler verbessern, sondern in vielen Fällen auch noch die Aufgaben der Eltern übernehmen. Gerade die jüngste Diskussion um das Versagen der Hauptschulen hat gezeigt, dass dies auch ein gesellschaftliches Problem ist, das je nach Einkommen und Bildungsstand deutlich verschieden ausgeprägt ist.

Schon heute sorgen manche Lehrer dafür, dass ihre Schüler ein Frühstück bekommen, kümmern sich um private Angelegenheiten, gehen in die Familien, müssen – um überhaupt unterrichten zu können – ihren Schülern grundlegende Dinge wie Pünktlichkeit, Verlässlichkeit, Ordnung beibringen. Wissen zu vermitteln, ist dabei nur noch eingeschränkt möglich. Dafür sind sie aber eigentlich ausgebildet – nicht für die Rolle als Elternersatz. Für solche Aufgaben müssten an Schulen vermehrt Erzieher und Sozialpädagogen eingestellt werden, die mit ihrer Arbeit die Lehrer entlasten und damit das Lern- und Schulklima verbessern.

Mithelfende und engagierte Eltern finden sich häufig vor allem dort, wo auch die Schüler eher unkompliziert und leistungsstärker sind. Dabei fällt die Grenze zwischen Mithilfe und Einmischung in die schulische Bildung und Erziehung oft sehr schmal aus, zumal das Vertrauen der Eltern in die Lehrer seit Jahren sinkt. 2004 waren es nur noch 32 Prozent der Bundesbürger, die ein großes Vertrauen in die Lehrer hatten. Mithilfe der Eltern setzt allerdings ein Vertrauen in die Arbeit der Schule und Lehrer voraus, denn es geht dabei nicht um die elterliche Einmischung in Lehrpläne und den Unterricht, sondern um die Unterstützung der Lehrer.

Lösung: Ganztagsschule?

Eltern wollen in der Regel das Beste für ihr Kind. Gerade in einer flexiblen Berufswelt wollen Eltern ihre Kinder am Tage in guten Händen wissen. Die Ganztagsschule erscheint derzeit als das Erfolgsmodell, um dieses Problem zu lösen. Beruf und Familie könnten so unter einen Hut gebracht werden. Doch auch in einer Ganztagsschule müssen sich die Eltern einbringen. Denn Lehrer sind für das schulische Lernen verantwortlich. Die Eltern wiederum sind verstärkt gefordert, für das Sozialverhalten ihrer Kinder und deren Ausstattung mit Lernmitteln zu sorgen. Eltern sind ein Teil des Systems Schule - in der Ganztagsschule mehr denn je.

Schüler an einem Gruppentisch Foto: Picture Alliance/dpa

Schule: Zwischen Reparaturbetrieb und Eliteanstalt?

Bildung zwischen Rütli und Salem

Keine Schule kann den Erfolg garantieren, den die Eltern sich wünschen. Das Bildungssystem kann sich aber auf veränderte Lebens- und Lernsituationen einstellen. Es darf aber nicht zur Dienstleistungseinrichtung für Eltern werden, die sich nicht kümmern oder lästige Pflichten an die Schule abgeben wollen, dort aber gleichzeitig mitreden wollen.

Schule wird sich in Zukunft vor allem intensiv um die Schüler bemühen müssen, denen vom Elternhaus viele Grundvoraussetzungen nicht mehr mitgegeben werden können - auch hier könnten die Erzieher und Sozialpädagogen sinnvoll eingesetzt werden, wenn es sein muss mit konkreten Hilfsangeboten an entsprechende Eltern, z.B. Elternkurse. Und das kann nur als gemeinschaftliche Aufgabe von Schule, Gesellschaft, Politik und Eltern passieren – sonst wird sich das Bildungssystem schlichtweg aufteilen: Reparaturbetrieb oder Eliteanstalt, Rütli oder Salem.

Autoren: Daniel Koch/Nils Zurawski

  • Kommentare
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Marita Wilke | 20.04.2007 | 09.27 Uhr
Ich bin der Meinung, dass man diese Verallgemeinerung nicht abgeben kann.
Die Kinder sind anders als vor ein paar Jahren. Besonders beklagenswert ist bei vielen Kindern die fehlende richtige Zuwendung. Diese Löcher können Lehrer nicht stopfen. Man möchte als Lehrer seiner Bildungsaufgabe gerecht werden, sucht Wege und Methoden, die Kinder zu erreichen, dennoch erreicht man nicht jedes Kind aus auch oben genannten Gründen. Viele Kinder haben ungenügende " Grundausrüstung", um die Schule zu meistern. Das geht schon manchmal ins Uferlose, was Lehrer hier leisten müssen.
Nicole | 16.04.2007 | 23.35 Uhr
Der Lehrer kann und sollte nicht auch noch die Erziehung der Kinder übernehmen! Er/Sie sind nun einmal da, Wissen zu vermitteln - überfordert sind so schon viele Lehrer, da bin ich mir sicher - Klassen zu groß - Kinder häufig brutal und unerzogen! Der Klassenkamerad meines Kindes hat Lehrer gekniffen, mit Stühlen um sich geworfen und einer Hilfskraft das Nasenbein gebrochen - wohlgemerkt: ERSTKLÄSSLER!
jule | 16.04.2007 | 18.41 Uhr
Ich bin der Meinung, dass die Verantwortung für die Erziehung in den Händen der Eltern bleiben sollte. Sie haben ihre Kinder geboren und sollten diese Pflicht der Erziehung nicht einfach so abgeben dürfen. Ich habe hohen Respekt vor Lehrern, die in einer min. 25Kopf großen Klasse jeden Schüler einzeln fördern und erziehen sollen und sich später von deren Eltern anhören dürfen, wie unfähig sie seien und welche Schuld sie am "Versagen" des Kindes haben, nur weil es nicht die notwendigen Voraussetzungen hat, um z.B. das Gymnasium zu besuchen. Bildung gut, aber das Herz sollte dabei nicht vergessen werden.

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ndr | Stand: 04.04.2007
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