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Etikett vom ndr Foto: NDR

Berufschancen

Schule ohne Abschluss - was dann?

Acht Prozent der Schulabgänger haben keinen Abschluss. Ihr Einstieg in ein Berufsleben scheint fast aussichtslos. Besser qualifizierte Schüler drängen zunehmend in die gewerblichen Berufe. Keine Chancen mehr ohne Abschluss?

Berufsausbildung Foto: Picture-Alliance/ZB

Keine Job-Chancen ohne Schulabschluss

Rund 78.000 von insgesamt 958.000 jährlichen Schulabgängern verlassen die Schule ohne Abschluss, das sind rund 8% aller Schüler. Diesen Abgängern ohne Abschluss stehen rund 231.500 Abiturienten gegenüber, die zunehmend in die gewerblichen Berufe drängen. Selbst mit Hauptschulabschluss wird es zunehmend schwieriger, eine Berufsausbildung oder einen Arbeitsplatz zu finden. Zusätzlich sind  z.B. in Hamburg zahlreiche Arbeitsplätze, die vor Jahren noch Hauptschulabgängern offen standen, etwa in der Bau- und Hafenwirtschaft, durch Rationalisierungsmaßnahmen verloren gegangen. In anderen Bereichen sind handwerkliche Tätigkeiten durch einfachste Handlangertätigkeiten verdrängt worden.

"Die Schere zwischen Jugendlichen, die ohne Hilfe keinen Einstieg mehr ins Berufsleben schaffen, und Unternehmen, die immer höhere Anforderungen an ihre  Mitarbeiter stellen müssen, öffnet sich zusehends", so der Präsident des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK) in Berlin, Georg Ludwig Braun.

Hauptschüler = Restschüler?

Ein Großteil der Abgänger ohne Abschluss rekrutiert sich aus der Hauptschule. Die Hauptschule hat ihren Status als Volksschule verloren. Nur noch 23% der Siebtklässler  besuchen eine Hauptschule, 1955 waren es noch 80%. Besonders in den Ballungsgebieten entscheiden sich  Schüler aus sozial- und bildungsbenachteiligten Familien sowie aus Zuwandererfamilien überdurchschnittlich häufig für diesen Schulzweig. Der Hauptschule haftet der Ruf der "Restschule" für besonders schwache Schüler an, die nicht "ausbildungsreif" sind. Dass dies nicht der Realität entspricht, erwies eine Studie des Deutschen Jugendinstituts in München (DJI), der zufolge die Hauptschüler eher schulmotiviert waren, sich in ihrer Freizeit in Vereinen und Verbänden organisierten sowie flexibel und motiviert dem Arbeitsmarkt gegenüberstanden.

Gründe für Schulabbruch

Die mangelnde Perspektive stellt einen Grund für den Abkehr von der Schule dar. Denn, wozu einen Hauptschulabschluss erwerben, wenn er nicht mehr die Tür in den Arbeitsmarkt öffnet? Mittels eines mehrjährigen Forschungsprojektes untersuchte das DJI die Gründe für Schulabbrüche. Schulmüdigkeit, wie der Zustand genannt wird, in der Jugendliche langsam von der Schule "wegdriften" und zeitweiliges Schulschwänzen, ist kein plötzlich eintretendes Ereignis. Es beginnt bereits in der Grundschule und verfestigt sich häufig im zwölften Lebensjahr. Schulabbruch ist das Ergebnis eines Zusammenspiels individueller, familiärer und sozialer Probleme.

"Individuelle Faktoren sind Leistungsprobleme, gesundheitliche Belastungen, schwierige Bedingungen in der Familie, aber auch Konflikte mit Mitschülern. Strukturelle Probleme sind z.B. Klassenwiederholungen, die zu 'Überalterung' (Jugendliche sind durch Klassenwiederholungen deutlich älter als ihre Mitschüler) führen. Ein Problem liegt auch darin, dass die Unterrichtsorganisation sich noch immer meist an der Lehrkraft als Einzelkämpfer orientiert. Das erschwert, die Gesamtschülerpersönlichkeit (mit ihren Potenzialen und Problemen) in den Blick zu bekommen, " so Dr. Frank M. Braun, Leiter des Forschungsschwerpunktes "Übergänge in Arbeit" des DJI.

Der bisherige Umgang mit Schulmüdigkeit und Schulverweigerung setzt meist zu spät an und die Beteiligten (Lehrer, Eltern, Ämter, Sozialarbeiter) sind nicht gut koordiniert.

Die Symptome von Schulverweigerung unterscheiden sich deutlich bei Mädchen und Jungen: Jungen stören den Unterricht, Mädchen klinken sich unauffällig aus. Auch fallen viele junge Migrantinnen und Migranten bereits im schulpflichtigen Alter aus dem Bildungssystem heraus, da Schule und Sozialarbeit besonders den Problemen von Aussiedlerjugendlichen hilflos gegenüberstehen.

Was tun?

Lehrlinge Foto: Picture-Alliance/dpa

Politisches Ziel: Weniger Schulabbrecher, mehr Lehrlinge

Bundesbildungsministerin Schavan will die Zahl der Schulabbrecher senken. Mit einer "Offensive für den Bildungsaufstieg" will sie die Zahl der Schulabbrecher in Deutschland in den nächsten fünf Jahren halbieren. Über das "wie" wird noch verhandelt.

Forschungen der letzten Jahre zeigen, dass ein hoher Praxisbezug und berufsbezogenes Arbeiten auch in der Schulzeit Jugendliche extrem motiviert. Durch feste wöchentliche Betriebstage erhalten sie einen Wettbewerbsvorteil gegenüber anderen Abschlüssen. Dies wird in vielen Hauptschulen bereits erfolgreich praktiziert.

Auf individueller Ebene ist eine genauere Beobachtung der Schüler nötig, um schon in einer frühen Phase der Schulmüdigkeit eingreifen zu können. Eine gute Begleitung muss auch dafür sorgen, dass die eigenen Kompetenzen erkannt und ausgebaut werden, um so ein "wettbewerbsfähiges" Profil zu entwickeln. Zusätzlich müssen die Eltern als Kooperationspartner gewonnen werden sowie Koordinierungsmöglichkeiten von Sozialarbeitern, Eltern, Lehrern und ggf. Betrieben geschaffen werden, um passgenaue Hilfeangebote zu entwickeln. Für die Hauptschullehrer bedeutet das eine Veränderung seiner Aufgaben weg von der reinen "Wissensvermittlung" zu mehr "Entwicklungshilfe".

Wichtig: Zeit zwischen Schule und Beruf

Verlässt ein Jugendlicher ohne Schulabschluss die Schule, so stehen ihm verschiedene Maßnahmen offen. Die Teilnahme am schulischen Berufsvorbereitungsjahr ist in vielen Bundesländern Pflicht für jene, die keinen oder einen Hauptschulabschluss erworben haben, aber beruflich noch nicht integriert sind. Neben der Möglichkeit einen Abschluss nachzuholen, erhalten die Jugendlichen in den Berufsschulen entsprechende Praxiseinführungen, die durch Praktika abgerundet werden. Was sich zunächst gut anhört, erweist sich jedoch oft als ein "vor sich herschieben" der bestehenden Probleme mit anschließender "Maßnahmekarriere". Um diese Maßnahmen effektiver zu gestalten, wurde die berufliche Benachteiligtenförderung modernisiert.

Die individuelle Förderung, so die Erkenntnis, kann viel besser greifen kann, wenn sich alle Beteiligten koordinieren. Für eine sinnvolle Arbeit sind lokale und regionale Kooperationsnetzwerke aus Schulen, Jugend- und Sozialämtern, Arbeitsämtern, Wirtschaftverbänden und Betrieb nötig. 

Teil dessen ist ein Übergangsmanagement, welches eine individuelle Betreuung der Jugendlichen zwischen Schule und Berufsbeginn garantieren soll. Das bedeutet, die persönlichen sozialen und geistigen Fähigkeiten (Kompetenzen) festzustellen, um anschließend mit dem Jugendlichen angemessene persönliche Ziele zu formulieren, die an die persönliche Situation angepasst sind.

Wirtschaft muss mehr Ausbildungsplätze schaffen

Erfolg oder Nichterfolg wird auch davon abhängen, wie gut die Pädagogen auf ihre Zusatzaufgaben vorbereitet werden. Bleibt das Berufsvorbereitungsjahr, wie in manchen Schulen üblich, die ungeliebte Aufgabe eine Berufsschullehrers, der viel lieber "normalen" Berufsschülern Fachwissen vermittelt? Oder werden gut geschulte Pädagogen und genügend zusätzliche Sozialpädagogen das richtige pädagogische Handwerkszeug haben, um hochwertige und erfüllende Arbeit zu leisten?

Das Gelingen der pädagogischen Arbeit ist eine Sache. Das Bereitstellen von betrieblichen Ausbildungsplätzen, und damit die Öffnung "echter" Perspektiven obliegt nach wie vor der Wirtschaft.

Autorin: Judith Leschig-Helmers

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ndr | Stand: 04.04.2007
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