"Da schaltete sich der gesunde Menschenverstand ein"

Computerspieler, Hände auf Computertastaturen. | Bildquelle: ARD.de/picture-alliance/dpa/Kombo: ARD.de

Droge Internet

"Da schaltete sich der gesunde Menschenverstand ein"

Anja Hübner

Bislang haben über 100 Betroffene in Mainz eine Therapie begonnen. Im Jahr 2011 findet Hannes Hoffmann seinen Weg in die Klinik. Der 28-Jährige hat eine Sucht, die sonst eher Mädchen und Frauen betrifft: Er ist kontaktsüchtig. Seit etwa vier Jahren ist er fast rund um die Uhr online, klickt zwischen den sozialen Netzwerken StudiVZ, Facebook, Wer-kennt-wen und MySpace hin und her. Immer wieder schaut er: Wer ist online, wen könnte ich anschreiben, wer hat etwas Neues auf seine Profilseite gestellt, wen könnte ich als Freund hinzufügen?

"Sie stürzen in ein dunkles Einsamkeitsloch"

"Besonders schlimm wurde es, als ich 2008 allein nach Frankfurt gezogen bin", sagt Hoffmann. "Ich kannte niemanden und war einsam. Ständig hatte ich so einen Druck im Bauch und wenn ich mich an den Computer gesetzt habe, war der Druck weg." Bald igelte sich Hoffmann zu Hause ein. Er ging nicht mehr in die Schule, in der er sein Abitur nachholen sollte. Auch sonst verließ er seine Wohnung kaum. "Eines Morgens hatte ich so großen Hunger, dass ich Pizzateig gebacken und den mit Marmelade beschmiert habe. Etwas anderes hatte ich nicht in der Wohnung."

"Einige Menschen entwickeln eine gefühlte Abhängigkeit", erklärt der Professor für Kommunikationswissenschaft Christoph Klimmt. "Denn sie wissen: Wenn sie den Chatraum verlassen, stürzen sie in ein dunkles Einsamkeitsloch." Hannes Hoffmann befreite sich aus diesem Loch, als er durch das Abitur fiel. Nun sitzt er in einem Therapieraum in der Ambulanz für Spielsucht und erzählt. Er ist groß und schlank, am Handgelenk trägt er ein modisches schwarzes Lederarmband. Vor fünf Wochen hat sich Hoffmann in die S-Bahn gesetzt und ist in die Ambulanz gefahren. "Ich wusste, dass jetzt endlich etwas passieren muss." Ihm gegenüber sitzt die Psychologin Christina Jo, Hoffmanns Therapeutin. Jeden Montag treffen sie sich, um über seine Internetsucht zu sprechen – in 20 Gruppen- und zehn Einzelsitzungen.

Therapiekonzept aus Einzel- und Gruppensitzungen

Flur der Ambulanz für Spielsucht. | Bildquelle: ARD.de

"Zuerst geht es darum, die Sucht zu verstehen", erklärt Jo das Therapiekonzept. "Dann müssen die Patienten erkennen, warum sie süchtig geworden sind und schließlich sollen sie Strategien für einen Weg aus der Sucht entwickeln." Die Einzeltermine sind für die speziellen Probleme jedes Onlinesüchtigen da. "Hier werden die ganz intimen Dinge besprochen." In den Gruppensitzungen dagegen hören sich die Patienten gegenseitig zu. Sie geben einander Tipps, wie sie sich aus der virtuellen Welt befreien können.

Zehn Onlinesüchtige sind momentan in Jos Therapiegruppe, ausschließlich junge Männer. Sieben von ihnen sind süchtig nach Computerspielen. Ein Patient spielt exzessiv Online-Glücksspiele und ein weiterer surft maßlos durchs Netz auf der Suche nach Informationen. Jede Woche sitzt Hannes Hoffmann mit ihnen allen in einem Stuhlkreis und erzählt, wie seine letzte Woche gelaufen ist. Wie oft war er im Internet? Was gab es für Situationen, in denen er das Verlangen hatte sich an den Computer zu setzen? "Einsamkeit", ist Hoffmanns Standardantwort auf diese Frage. "Doch seit ich in der Therapie bin, habe ich aufgehört immer nur zu flüchten." Er beginne jetzt sich wirklich mit sich selbst auseinander zu setzen.

Henne-Ei-Problem: "Was war zuerst da?"

"Die Patienten sollen ein Online-Tagebuch führen", erklärt Jo. "Das hilft ihnen, sich zu kontrollieren und stärkt die Selbstbeobachtung." Außerdem stehen Sportkurse für die alternative Freizeitgestaltung und Rollenspiele auf dem Therapieplan. Jo filmt die Süchtigen unter anderem bei einem improvisierten Smalltalk. Sie sollen eine einfache Situation nachstellen, eine Verabredung zum Beispiel. Anschließend zeigt ihnen die Psychologin das Video: Den Patienten soll es zu einem neuen Blick auf sich selbst verhelfen. "Das ist wichtig, weil viele der Betroffenen soziale Ängste haben", sagt Jo. Die meisten von ihnen fühlten sich nicht attraktiv und seien gehemmt im Umgang mit anderen Menschen. Gerade das mache sie so anfällig für eine Internetsucht. "In der Anonymität des Netzes können sich auch scheue Personen ohne Angstschweiß in den Handflächen unterhalten", ergänzt Klimmt.

Schild vor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie in Mainz. | Bildquelle: ARD.de

Bei Menschen, die sich in der virtuellen Welt verlieren, sind zusätzliche Erkrankungen keine Seltenheit. "Viele Onlinesüchtige leiden auch an einer Angststörung oder einer Depression", sagt Anke Quack von der Ambulanz. Möglicherweise sei dies die Ursache der Sucht. "Aber da gibt es das klassische Henne-Ei-Problem", ergänzt Therapeutin Christina Jo. "Was war zuerst da? Die Sucht oder die psychische Erkrankung?" Hannes Hoffmann hat eine Suchtvorgeschichte: Er war drogenabhängig. "Ich habe früher alles genommen außer Heroin", sagt er. Seit sechs Jahren sei er nun clean. "Aber ich vermute, dass ich mir mit dem Internet eine nichtstoffliche Ersatzdroge gesucht habe."

Abschiedsritual im Stuhlkreis

Gegen Ende der Therapie erwartet die Onlinesüchtigen in der Ambulanz ein Abschiedsritual. "Die Patienten sollen mir einen Screenshot ihres Chatprofils oder ihres Avatars zumailen", sagt Psychologin Jo. Die Bilder drucke sie groß und in Farbe aus. In der Gruppensitzung sollen sich die Patienten dann reihum von ihren Avataren und Onlineprofilen verabschieden. "Da geht es dann schon sehr emotional zu. Viele reden sich heiß und sind sehr aufgewühlt", erzählt Jo. Ihr Rat: Die Betroffenen sollen ihren Zugang feierlich löschen und zukünftig nicht wieder die Internetseiten aufrufen, nach denen sie süchtig waren. Nur so können sie ihre virtuelle Welt verlassen. "Völlige Abstinenz vom Internet gibt es aber nicht", sagt Jo. "Denn jeder braucht es privat und im Beruf als Handwerkszeug." Zwar brechen einige Patienten die Therapie ab. Doch rund 80 Prozent der Patienten haben laut Jo nach der Therapie in der Ambulanz für Spielsucht ihren Internetkonsum zumindest stark eingeschränkt.

Halteknopf im Linienbus. | Bildquelle: picture-alliance/dpa

Von seinen Online-Profilen im Netz hat sich Hannes Hoffmann noch nicht verabschiedet. Doch einen Zwischenerfolg hat der 28-Jährige schon erlebt: Er hat seinen Computer im Wohnzimmer abgebaut und geht wieder zur Schule. "Durch die vielen Gespräche spüre ich mich wieder", erzählt Hoffmann. "Ich muss mich nicht mehr unbedingt mit dem Internet betäuben." Daniel Beier hat es schon aus der Sucht geschafft. Allein, ohne eine Therapie. Der inzwischen 28-Jährige studiert an der Universität Mainz. Als er sich 2009 aus seiner virtuellen Welt in der World of Warcraft befreite, war die Mainzer Ambulanz für Spielsucht gerade erst gegründet worden. "Therapien können nur diejenigen stärken, die den berühmten Knackpunkt gefunden haben", ist Beier überzeugt. "Man muss selbst die Stärke und den Willen haben da raus zu kommen."

Seinen eigenen Knackpunkt erlebte Beier im Bus auf dem Weg zur Arbeit. "Ich habe gestunken, weil ich mich eine Woche nicht gewaschen hatte. Alle haben mich abschätzend angesehen und ich habe die Stunden gezählt bis ich wieder an meinem Computer sitzen kann", erinnert sich Beier. "Und dann schaltete sich irgendwo im Hinterkopf der gesunde Menschenverstand ein und flüsterte mir leise zu: 'Das kann’s nicht sein!'"

Stand: 18.11.2010, 13.53 Uhr

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