Do it yourself statt Durchdrehen

Drei Frauen präsentieren während der 64. internationalen Spielwarenmesse "myboshi", die Mützen zum Selberhäkeln. | Bildquelle: picture-alliance/dpa

Do it yourself statt Durchdrehen

Warum Selbermachen das neue Yoga ist

Lydia Dartsch

Häkeln, brauen, gärtnern, basteln, bauen - Selbermachen ist seit Jahren ein Trend, der nicht nachlässt. Immer mehr Menschen wollen in ihrer Freizeit kreativ arbeiten. Woher der "Do-it-yourself-Trend" kommt und was er über unsere Gesellschaft aussagt, erklärt die Trendforscherin und Psychologin Ines Imdahl im Interview.

ARD.de: Stellen Sie derzeit einen Trend zum "Do it yourself" fest und wenn ja, wie neu ist dieser Trend?

Ines Imdahl: "Do it yourself" ist ein riesen Trend geworden. Er ist aber nicht mehr ganz so neu, wie es jetzt scheint. Er hat sich in den vergangenen drei bis vier Jahren entwickelt.

Womit hatte das damals angefangen?

Angefangen hatte das um die Weihnachtszeit, als sich selbstgemachte Geschenke wieder großer Beliebtheit erfreuten. Während Selbstgemachtes vor 15 Jahren mehr eine Notlösung war, weil man sich finanziell nichts anderes leisten konnte, wird ein gekauftes Geschenk heute als weniger wertig angesehen, wenn man sich nicht mit Liebe daran setzt.

Es gibt ja unheimlich viele Dinge, die man selbst machen kann und will, viele Anleitungen. Machen wir mehr selbst, weil wir mehr Zeit haben?

Im Gegenteil! Wir fangen vor lauter Stress an, wieder selbst etwas zu machen.

Wie das denn?

Viele Frauen und Männer empfinden sich in ihrem Alltag als sehr getrieben. Sie fühlen sich fremdbestimmt von vielen Terminen, E-Mails im Fünf-Minuten-Takt. Es ist kaum Zeit, sich auf eine Aufgabe zu konzentrieren, Telefonate werden auf dem Weg zur Arbeit oder nach Hause geführt. Man kommt auch im Urlaub nicht von der Arbeit los.

Das klingt schon beim Zuhören nach Stress.

Im Schnitt wird man alle elf Minuten unterbrochen. Allerdings braucht das Gehirn sieben Minuten, um sich wieder voll zu konzentrieren. Das heißt, wir können nicht länger als drei, vier Minuten am Stück konzentriert arbeiten.

Wir haben darüber hinaus das Gefühl verloren, dass wir mit unserer Arbeit auch Ergebnisse erzielen. Man ist zum Feierabend zwar geschafft, hat aber kaum noch das Gefühl, etwas zu Ende gebracht zu haben.

Das Leben im Griff haben

Ein eher unangenehmes Gefühl. Wie hilft uns dabei das Selbermachen?

Es ermöglicht uns, etwas von Anfang bis zum Ende zu produzieren und dann ein Ergebnis in der Hand halten zu können: die selbstgestrickten Socken oder die frisch geschnittene Hecke zum Beispiel. Und es hilft, uns über einen längeren Zeitraum zu konzentrieren.

Darüber bekommt man wieder das Gefühl, Herr über die eigene Situation und den Alltag zu sein und dass man dieses Getriebensein wieder etwas beherrschen kann. Und das entspannt uns.

Und wie schafft man es, sich dabei nicht durch E-Mails oder Anrufe stören zu lassen?

Man braucht beim Selbermachen ja beide Hände. Da kann man nicht nebenbei noch tippen oder telefonieren. Denn wenn die Hände voller Kleister, Mehl oder Gartenerde sind, ist man gezwungen dabei zu bleiben.

Es bleibt ja beim Selbermach-Trend nicht nur beim Stricken oder dem Heckenschnitt. Es gibt Leute, die selbst  Bier brauen oder sich einen Bienenstock in den Garten stellen, um eigenen Honig zu ernten. Wie erklären Sie solche Projekte?

Bei solchen Dingen wie Brotbacken, Eismachen und Bierbrauen spielt hinein, dass wir die Sinnlichkeit und Unmittelbarkeit von Dingen wiedererleben wollen.  Wir wissen ja bei vielem nicht, was drin ist und wie etwas verarbeitet wurde - das gilt für den Honig genauso wie fürs Bier. Wenn wir solche Dinge selbst herstellen, können wir sie nochmal ganz anders genießen.

Beispielsweise beim Jagen: Viele sagen, es schmeckt nichts besser, als wenn man das Tier selbst erlegt und ausgenommen hat. Die Köchin Sarah Wiener ist auch der Auffassung, dass man das Tier, das man isst, sehen muss, um einen Bezug zu ihm herstellen zu können und Respekt zu entwickeln.

Leute, die gärtnern, erleben das, wenn sie den Pflanzen beim Wachsen zusehen und dadurch den Rhythmus der Jahreszeiten erfahren. Das ist eine sehr befriedigende Tätigkeit, die nachgewiesenermaßen auch gegen Depressionen und Burnout hilft.

Sie  sprechen von einem riesen Trend. Aber wie viele Menschen in Deutschland gehen dem denn nach?

Man muss davon ausgehen, dass schon mal alle Mütter den Druck haben, vieles selbst zu machen: Die Kuchen auf Kindergeburtstagen, die Zuckertüten für die Einschulung und, und, und. Gekauft ist da komplett out.

Macht das noch Spaß?

Da wird ja die Lust am Selbermachen zum Zwang.

Genau. Und dann kehrt sich die entspannende Wirkung des Selbermachens um und wird doch wieder Stress.

Welche negativen Wirkungen außer dem Zwang gibt es denn noch?

Mehr negative Folgen sehe ich nicht. Es gibt zwar immer Leute, die das zum Ideal hochstilisieren und auch gerne in den Medien herausgehoben werden. Das sind einzelne extreme Fälle, aber nicht die Masse. Die meisten suchen sich das aus, was sie am liebsten machen.

Sie sprechen auch an, dass es einen gesellschaftlichen Druck gibt, Dinge selbst zu machen. Wie kann man diesem Zwang entgegenwirken?

Man sollte für sich selbst darauf achten, dass die Tätigkeit entspannt und befreit, und dass es nicht ein weiterer Punkt auf der To-do-Liste ist, den man abhaken muss. Wenn man als Mann beispielsweise keinen Spaß daran hat, Autos zu reparieren, sollte man sich das auch nicht antun. Das ist für jeden unterschiedlich.

Und wenn man jetzt so gar nichts findet?

Dann muss man sich keinen Stress machen. Vielleicht gibt man dafür den Menschen in seinem Umfeld mehr Aufmerksamkeit, indem man nicht ständig auf sein Handy schaut. Da muss man niemandem böse sein. Übrigens wird das Putzen zur Entspannung völlig unterschätzt.

Inwiefern?

Dabei kann man wieder zu sich finden: Handy aus und sich sagen: "Ich mach das jetzt mal richtig gründlich." Und am Ende hat man auch ein Ergebnis, das man anschauen kann. Und man fühlt sich innerlich aufgeräumt.

Wie wird der Trend denn von der Industrie aufgegriffen?

Zum einen gibt es Online-Shops wie Dawanda, in denen man seine selbstgemachten Dinge verkaufen kann. Dazu setzen viele Unternehmen auf Personalisierung, indem man sich beispielsweise die Schuhe nach den Lieblingsfarben und -designs zusammenstellen kann. Auch die Burda-Hefte mit den Nähmustern kommen gerade wieder. Allerdings funktioniert das nur, solange es nicht zu sehr durchindustrialisiert ist.

Eine andere Motivation in den Nachkriegsjahren

Die Do-it-yourself-Bewegung hat ihre Ursprünge in den 1950er-Jahren, als zum Beispiel das Magazin "Selbst ist der Mann" gegründet wurde. Worin unterscheidet sich das Selbermachen damals von dem von heute?

Da ist ein zentraler Unterschied: Früher wollte man sich schnell entwickeln und viele Dinge haben. Das war sehr materialistisch ausgerichtet. Die meisten konnten sich das aber nicht leisten. Und da war die Notlösung, die Möbel selbst zu bauen oder sich das Dior-Kleid selbst zu schneidern.  Aber damals war man auch über jedes Gerät froh, das einem Arbeit abgenommen hat.

Was sagt der Do-it-Yourself-Trend über unsere Gesellschaft aus?

Wir drehen komplett durch in einem zerstückelten, entsinnlichten und im marxistischen Sinne nicht produktiven Gesellschaftsleben - also wir können die Arbeit nicht mehr nachvollziehen. Marx hat diese These immer ans Fließband geknüpft und wäre nicht im Traum darauf gekommen, dass das auch am Computer geht.

In einer solchen Gesellschaft müssen wir wieder zur Besinnung und zu uns selbst finden. Dabei hilft uns der Do-it-yourself-Trend: Man hat das Gefühl, etwas Sinnvolles getan zu haben und man kann zur Ruhe kommen, weil man sich auf eine Sache konzentriert. Aber nur, wenn es einem auch wirklich Freude macht.

Stand: 22.12.2015, 16.00 Uhr

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