Hiden Shakespeare - Teil 2

Das Spiel mit der Improvisation

Gibt es eigentlich auch Vorschläge aus dem Publikum, die Sie ablehnen?

Wir haben ganz lange gesagt, wir spielen alles außer Toilette. Einfach weil wir schon 150 Toilettenszenen hatten. Wenn die Leute neu sind im Improvisationstheater, versuchen sie manchmal, wahnsinnig originell zu sein und können dadurch aber auch eine Geschichte kaputt machen. Auf die Frage, wo die Geschichte spielt, kommt dann eben Toilette. Oder welches Problem hat die Person: Hämorrhoiden.

Das war auch interessant, als wir in Simbabwe gespielt haben. Wenn hier Toilette und Hämorriden kommen, kamen dort Diktatur, Landraub, Korruption. Ich hab mit den Kollegen vor Ort gesprochen und die haben gesagt, dass sie oft ansagen, dass sie keine Diktaturszenen mehr spielen, eben weil sie schon so viele gespielt haben. Also genau das gleiche Phänomen, aber mit einem ganz anderen Thema.

Tritt dann manchmal trotz der Improvisation so etwas wie Routine oder Wiederholung ein?

Wir versuchen das zu vermeiden. Wir sind alle recht unterschiedliche Charaktere  und natürlich hat da jeder auch so seine Vorlieben, welche Art von Rollen er gerne spielt. Das versuchen wir aber aufzubrechen. Also vor den Vorstellungen sagen wir zum Beispiel, ich möchte, dass du heute mal ganz dreckig und obszön die Figuren spielst, oder eine total verschüchterte, unsichere Person. Das sind dann Vorgaben, die wir uns tatsächlich selber machen, um immer wieder mal neue Sachen aus uns herauszukitzeln.

Das ist ja etwas, das so nur im Improvisationstheater möglich ist.

Das ist tatsächlich auch für mich noch mal ein ganz großer Reiz, dass ich Rollen spielen kann, die ich natürlich in einem Theaterstück niemals spielen könnte. Also wenn ich ein achtjähriges Mädchen spiele, damit würde ich ja jetzt im Schauspielhaus nicht besetzt. Oder den jugendlichen Held, den könnte ich mittlerweile auch nicht mehr spielen. Aber da ist es alles noch möglich. Und das Publikum nimmt es auch an.

Das macht dem Publikum wahrscheinlich sogar besonders viel Spaß?

Die Leute vergessen es aber auch. Da hab ich ein sehr schönes Beispiel von einem Kollegen aus Simbabwe, Lucian Msamati, der mittlerweile als Schauspieler in London lebt. Der war mal zu Besuch in Hamburg und hat mit uns ein Stück gespielt, in dem wir deutsch gesprochen haben und er englisch. Und Lucian ist wirklich ein sehr kräftiger, muskulöser, schwarzer Afrikaner und das war so, dass er meine Mutter spielte, die eine Kneipe und selber ein Alkoholproblem hatte. Und irgendwann wurde ich in diesem Stück ins Krankenhaus gerufen, weil sie im Sterben lag. Wir hatten dann diese Herztöne, also jemand von uns hat den Monitor gespielt und irgendwann kam dann nur noch dieser Dauerton: Meine Mutter, dargestellt von ihm, war verschieden. Im Publikum flossen Tränen, weil das wirklich auch eine sehr berührende Geschichte war. In dem Moment habe ich gedacht, das ist die Macht von Improvisation. Da steht ein schwarzer Afrikaner, der behauptet meine deutsche Mutter zu sein, und das Publikum nimmt das an und weint um meine Mutter. Viele Leute haben hinterher gesagt, wieso spricht er so gut deutsch, und na ja, er hat die ganze Zeit englisch gesprochen. Das haben die Leute gar nicht mehr wahrgenommen. Das ist der ganz große Reiz für mich an der Improvisation.

Lieber Herr Thomé, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

Das Interview führte Pia Frede / Online-Fassung: Valeska Parpart

  • Die Aufführung von "hidden shakespeare" findet am Freitag, 10. November 2017, um 21 Uhr im ZKM Karlsruhe statt. Nach dem Krimi-Hörspiel und einer Pause geht es weiter mit Improvisationstheater von "hidden shakespeare". Karten sind erhältlich beim SWR unter der Telefonnummer 07221 - 300 200 und unter www.swr2kulturservice.de.

Stand: 14.09.2017, 15.30 Uhr

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