ARD Themenwoche 2014 Toleranz Interview Tovia Ben-Chorin

Dr. Tovia Ben-Chorim. | Bildquelle: house-of-one.org

Tovia Ben-Chorin, Rabbiner

"Den Ausdruck 'Toleranz' habe ich nicht gern"

Der Berliner Rabbiner Tovia Ben-Chorin engagiert sich im jüdisch-christlichen, israelisch-palästinensischen und deutsch-jüdischen Dialog. Er will in Berlin das "House of One" errichten lassen - ein Gotteshaus, in dem Juden, Christen und Moslems gemeinsam Andacht halten können. Im ARD.de-Interview erklärt Ben-Chorin, weshalb für ihn Respekt wichtiger ist als Toleranz.

ARD.de: Was ist für Sie Toleranz?

Tovia Ben-Chorin: Den Ausdruck Toleranz habe ich nicht gern und würde ihn gerne mit Respekt ersetzen. Das Zitat  "Ich missbillige, was du sagst, aber würde bis auf den Tod dein Recht verteidigen, es zu sagen", welches von Evelyn Beatrice Hall stammt und oft irrtümlich Voltaire zugeschrieben wird, beschreibt eine Situation, in der jemandem erlaubt wird, etwas zu sagen, das nicht akzeptiert ist. Im Gegensatz dazu heißt Respekt, zuzuhören. So, wie ich respektiert sein will, respektiere ich das Gegenüber, auch wenn es problematisch ist.

Bei welcher Gelegenheit haben Sie sich zum letzten Mal tolerant gezeigt?

In meinen Versuchen, in Berlin Kontakte aufzunehmen mit Palästinensern. Unter anderem meine Beteiligung beim Besuch einer Jugendgruppe von israelischen Juden, israelischen Palästinensern und Palästinensern aus dem Westjordanland.

Wann waren Sie das letzte Mal intolerant?

Ich kann nicht tolerieren, dass die Allgemeinheit die ganze Gruppe der Moslems verurteilt, weil einige wenige Fanatiker der Terrorgruppe ISIS ihre Gegner umbringt. Doch gemäß der Respektszollung, möchte ich gerne die Tiefe der Frustration verstehen, die Menschen zu bestimmten intoleranten Handlungen veranlasst.

Kann man Toleranz lernen?

Sehr schwer. Besonders, wenn jemand Schwierigkeiten hat, zuzuhören. Respekt ist etwas, das jeder erhalten möchte, und dadurch ist Respekt leichter erlernbar.

Wo fehlt es in unserer Gesellschaft besonders an Toleranz?

Ich glaube, alles, was ich vorher gesagt habe, spricht für sich selbst und beantwortet diese Frage. Den Ausdruck Toleranz verstehe ich so, dass der Tolerierende über dem Tolerierten steht und das die Möglichkeit für einen Dialog eher begrenzt. Im Prozess des Respekts sind alle Menschen auf derselben Ebene und können dadurch besser ins Gespräch kommen, der hoffentlich zu einem Dialog führt.

Ihre Initiative für ein Berliner Bethaus als gemeinsamer Ort der Andacht für das Judentum, den Islam und das Christentum ist ein hoffnungsvoller Ansatz in einer Zeit, die oft geprägt ist von Misstrauen zwischen den Religionen. An welche Grenzen - persönlich und vielleicht auch in Ihren Gemeinden - sind Sie bei der Zusammenarbeit an diesem Projekt gestoßen?

Die meisten Menschen, die davon hören, finden es toll, aber fragen sich, ob es wirklich funktionieren kann. Ich werde oft angesehen als "naiver Optimist". Meine Antwort: "Als Israeli war ich in genügend Kämpfen und meine Hände sind nicht rein. Am Ende muss man miteinander sprechen. Ich will versuchen, die nächsten Opfer zu vermeiden. Jemand muss anfangen und andere mitreißen."

Das Interview führte Karola Kallweit.

Stand: 16.05.2015, 02.20 Uhr

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