Bertram Gugel

Bertram Gugel. | Bildquelle: Bertram Gugel

Webvideo-Experte Bertram Gugel über digitale Heimatgefühle

"YouTuber sind wie Popstars – nur näher dran!"

Annika Franck

Lineares Fernsehen ist für viele junge Leute out, sie gehen lieber zu YouTube. Die erfolgreichsten YouTuber haben sich in ihren Nischen eine digitale Heimat eingerichtet. Mit durchaus emotionalen Bindungen, erklärt Webvideo-Experte Bertram Gugel.

Annika Franck: Was für eine Art von digitalem Zuhause bietet YouTube seinen "Stars"?

Bertram GugelYouTube gibt vor allem die Möglichkeit, sich mit den Usern auszutauschen, und dafür nutzen sie diese Plattform. Die erfolgreichen YouTuber haben ein sehr klar definiertes Ziel-Publikum, das sie ansprechen. Und dementsprechend weiß auch die Zielgruppe ganz genau, was sie wo bekommt. Dieser Match, dieses Zusammenpassen ist sehr wichtig für den Erfolg bei Youtube.

Wie würden Sie diese "andere Heimat" beschreiben?

Es ist ein anderes Zusammengehörigkeitsgefühl: Dort gehöre ich hin, dort ist meine Community. Da sind meine Stars – wenn ich der Nutzer bin. Und da sind meine Fans, wenn ich der Macher bin. Das ist ein starkes Gefühl und führt zu einer entsprechend starken emotionalen Bindung. Dazu kommt, dass erfolgreiche YouTuber wissen: "Ihr habt mich groß gemacht, wegen euch bin ich heute da, wo ich bin." Die YouTuber sind ihren Fans näher als Popstars – daher erklärt sich ein Teil der Popularität. Es sind schon interessante Mechanismen, die da greifen.

Wie pflegt man dann die Beziehungen in dieser digitalen Heimat?

Die YouTuber produzieren Videos, die stark auf Interaktion setzen: die User werden aufgefordert, ihre Kommentare abzugeben oder sich an Challenges zu beteiligen. Die YouTuber sind außerdem auf Facebook, Twitter und Instagram aktiv und tauschen sich ständig mit ihren Usern aus.

Wie bewusst kann man entscheiden: "Jetzt werde ich YouTube-Star"?

In den meisten Fällen entwickelt sich so etwas. Vor allem, weil man einen langen Atem und viel Durchhaltevermögen braucht, um erfolgreich zu sein. Man kann nicht sagen "Heute werde ich YouTuber und morgen bin ich erfolgreich". Gronkh zum Beispiel hat 600 Videos gebraucht, bis er eine gewisse Sichtbarkeit hatte und erfolgreich war, das hat sich über gut sechs Monate gezogen. Man muss also einiges investieren, bevor sich irgendein Erfolg einstellt. Und so geht es eigentlich allen YouTubern.

Wie kreativ sind die YouTuber wirklich? Oder sind sie nicht vor allem den Mechanismen des Marktes unterworfen?

YouTube ist schon eine kommerzielle Plattform. Es gibt gewisse Regeln, wie sie vermarktet wird - und sie ist so optimiert, damit die Plattform das meiste Geld damit verdienen kann. Manche haben eine eher romantische Sicht auf das YouTube-Universum. Man sollte sich da aber nichts vormachen: Es geht vor allem darum, Geschäfte zu machen.

Welche Lücken gibt es denn eigentlich noch, um erfolgreich zu sein? Wie groß ist die Konkurrenz?

Es gibt ca. 40 YouTuber in Deutschland, die mehr als eine Million Abonnenten haben. Alle wollen den Platz an der Sonne haben - da ist schon eine große Konkurrenz. Vor allem die Sparten Gaming und Unterhaltung bekommen viel Aufmerksamkeit und sind schon eher abgegrast. Nachrichten sind eine Sparte, bei der ich noch etwas Luft sehe.

Zur Person: Bertram Gugel ist Kommunikations- und Medienwissenschaftler und berät Firmen in Sachen Internet-TV und Online Videos. Er beschäftigt sich vor allem mit Videoangeboten im Netz und hat die Trends und Entwicklungen der online-Videoindustrie im Blick.

Stand: 08.10.2015, 00.00 Uhr

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