Berufs-Porträt Winzer für die ARD-Themenwoche 2016 "Zukunft der Arbeit"

Die Winzerbrüder Stefan (l.) und Christian Braunewell bei der Reifekontrolle im Weinberg. | Bildquelle: Peter Bender

Die Winzerbrüder Stefan (l.) und Christian Braunewell bei der Traubenlese.

Berufs-Porträt Winzer

"Bei der Weinlese kann man keine Mails schreiben"

Der Winzer Stefan Braunewell aus dem rheinhessischen Essenheim erfährt viel Anerkennung für seinen Beruf - zumindest solange die Leute auf der Landstraße nicht hinter seinem langsamen Traktor hertuckern müssen. Im Berufsporträt erklärt der 33-jährige Mitgesellschafter eines Weingutes, warum Winzer auch Kunsthandwerker sind. Und wie stark die Digitalisierung inzwischen in die "verklärteste Form der Landwirtschaft" eingezogen ist.

ARD.de: Sie sind Winzer - warum haben Sie sich für diesen Beruf entschieden?

Stefan Braunewell: Ich bin in einer Winzerfamilie aufgewachsen, trotzdem wollte ich nach dem Abi gerne ein naturwissenschaftliches Studium angehen und den Wein nur noch als Konsument betrachten. Die Kindheit in einem 24/7-Weingut raubt einem die Romantik vom Weinbau. Mich hat dann aber doch die Chance auf Selbständigkeit gereizt; die Möglichkeit, den Tag frei einzuteilen, Ideen zu entwickeln und selbst zu verwirklichen. Und das Ziel, ein Weingut mehr als "normalen" Beruf zu leben.

 


Socialmedia. | Bildquelle: ARD

Ihre Meinung ist gefragt!

Das Ende der Romantik?

Bleibt die Weinromantik bei der zunehmenden Technisierung in der Landwirtschaft auf der Strecke? Diskutieren Sie unten mit!

 

Wie verlief die Ausbildung - auf welchen Wegen sind Sie das geworden, was Sie heute sind?

Nach dem Abi folgten zwei Jahre Winzerlehre in sehr renommierten, aber ganz unterschiedlichen Ausbildungsbetrieben in der Pfalz. Winzer sind Handwerker, auch gerne mal Kunsthandwerker! Es geht in unserem Beruf um handwerkliches, landwirtschaftliches Arbeiten - das sollte man bei aller Romantik  nicht vergessen. Nach der Lehre folgten drei Jahre Weinbaustudium an der Hochschule Geisenheim und diverse Auslandspraktika. Und dann ging es richtig zu Hause los. 

 

Was tun Sie konkret in Ihrem Beruf - können Sie bitte in ein paar Sätzen Ihren typischen Arbeitstag von Dienstbeginn bis Feierabend beschreiben?

Nein. Wir sind gerade in der Weinlese, manche Tage beginnen um 8 Uhr mit der Handlese, manche um 5 Uhr mit der Erntemaschine, andere um 7:30 Uhr im Büro. Keine Angst, die Weinlese ist die anstrengendste, aber schönste Zeit des Jahres. Hier sehen wir das Ergebnis eines ganzen Jahres Arbeit mit den Weinreben.

Keine Arbeit wiederholt sich im Laufe des Jahres: Weinberg, Keller, Traktor, Smoking, Büro, Kunden, Vertreter, Weinproben, Kollegen - ich kenne kaum einen anderen, so vielfältigen Beruf. Das einzige, was immer gleich ist: Wir treffen ständig Entscheidungen. Manchmal kleine, manchmal große. Das ist super.

 

Ist Ihr Beruf so, wie sie ihn sich vorgestellt haben, ehe Sie ihn erlernt haben?

Jein, es ist viel mehr Bürokratie geworden in der Landwirtschaft, die Kunden und der Weineinkauf haben sich alleine in den zehn Jahren seit meiner Ausbildung grundlegend verändert. Aber wir machen immer noch Wein aus Trauben, die in der Natur wachsen. Und wir machen heute alles viel, viel intensiver als ich es von meinen Eltern kannte. Das war aber auch Teil meiner Ausbildung und entspricht der Idee eines modernen Winzers.

 

Stefan Braunewell mit Maischestampfer. | Bildquelle: Peter Bender

Bis zu fünf Mal am Tag stößt Stefan Braunewell während der Weinlese rote Trauben mit dem Maische-"Stoamber" unter.

 

Wie hat sich Ihr Tätigkeitsfeld seit Ihrem Berufseinstieg im Jahr 2003 bis heute verändert?

Die Digitalisierungswelle in der Landwirtschaft ist enorm. Es geht nichts mehr ohne Internet. Auf der anderen Seite verändert sich auch unsere Hardware: Erntemaschinen, Traktoren, Pflanzenschutz, Kompostgaben, Weingärungen - alle laufen mit Apps. Alles ist größer geworden. Die Anforderungen an uns und unsere Mitarbeiter steigen damit auch ständig.

Bei aller Digitalisierung und allem Fortschritt wollen wir aber unserem Handwerk treu bleiben. Für unsere Kunden dokumentieren wir unsere Anstrengungen in Nachhaltigkeit seit diesem Jahr und erklären intensiver, was wir tun und warum wir es tun. Damit Landwirtschaft greifbar wird. Meine Eltern haben überwiegend mit den Reben gearbeitet. Heute haben Produkt und Marketing den gleichen Stellenwert.

 

Wenn Sie in die Zukunft blicken - wie, glauben Sie, wird Ihr Beruf dann aussehen. Wird es Winzer in, sagen wir 20 bis 30 Jahren, überhaupt noch geben?

Ich werde in 30 Jahren noch Wein trinken. Und viele andere sicher auch. Ich glaube der Winzer als "Nischenberuf" hat Zukunft. Und aufgrund der sich ändernden Anforderungen werden immer mehr hochqualifizierte Arbeitskräfte gesucht.

 

Lieben Sie Ihren Beruf?

Ein klares Ja! Ich liebe es, Entscheidungen zu treffen und eigene Ideen mit dem Team zu entwickeln und umzusetzen. Berauschend ist es dann nach teilweise vier bis fünf Jahren zum ersten Mal den fertigen Wein oder Winzersekt zu verkosten und die Idee dann weiter auszubauen.

 

Was denken Ihre Freunde über Ihren Beruf - und in welchem Verhältnis steht die Höhe der gesellschaftlichen Anerkennung zu dem, was Sie als Winzer verdienen?

Der Weinbau ist die vielleicht schönste und verklärteste Form der Landwirtschaft. Wir erfahren eine sehr große Anerkennung, gerade in direktem Kontakt mit Kunden - zumindest dann, wenn sie nicht gerade zur Weinlese auf der Landstraße hinter einem langsamen Traktor her tuckern müssen. Es gibt kaum Unternehmen, die so lange in der Familie von einer Generation zur nächsten weitergegeben werden, und trotzdem trauen uns Politiker und Lobbyisten teilweise nicht zu, langfristige Entscheidungen zu treffen. Die Bürokratisierung der Landwirtschaft mit all den Diskussionen um TTIP und Ceta geht voll an der Realität der Landwirte vorbei.

Wir produzieren hochwertige Lebensmittel, wir pflegen die Umwelt, wir geben unsere Äcker an die nächste Generation weiter, damit es auch in Zukunft gute Weine und gutes Essen gibt. Dafür wird aber in der Gesellschaft bei aller Anerkennung immer weniger ausgegeben. Wir müssen auch bereit sein, gute regionale Lebensmittel angemessen zu bezahlen, damit auch unsere Mitarbeiter und deren Familien ein modernes Leben führen können.

 

Porträt Stefan Braunewell. | Bildquelle: Deutsches Weininstitut

Erst wollte der Winzersohn nicht ins elterliche Weingut einsteigen - heute kann er sich nichts anderes mehr vorstellen.

 

Angenommen, Sie wären heute in dem Alter, in dem Sie sich für Ihren jetzigen Beruf entschieden haben - würden Sie noch einmal dieselbe Wahl treffen?

Wenn ich damals gewusst hätte, was ich heute weiß, hätte ich gar nicht erst über ein naturwissenschaftliches Studium nachgedacht. Wir haben genug Chemie, Biologie und Physik in der Natur und damit im Wein. Ich würde heute sofort Winzer werden.

 

Was raten Sie jungen Menschen, die heute einen Beruf in Ihrer Branche beginnen wollen?

Nehmt euch Zeit für die Ausbildung. Der Beruf ist so vielfältig, dass eine breite Ausbildung unerlässlich ist. Und auch wer später mal nur noch ein Weingut führen möchte, sollte mal Fässer geschrubbt und Reben geschnitten haben. Und dann, probiert viel Wein. Probieren!

 

Wie wird sich Ihrer Meinung nach die zunehmende Digitalisierung auf die Arbeitswelt und auf die Gesellschaft auswirken - welche Chancen und welche Risiken sehen Sie?

Meine Kunden erwarten schon heute ständige Erreichbarkeit. Mit der Traubenschere in der Hand kann man aber keine Mails schreiben. Ich würde mir etwas mehr Gelassenheit und mehr Vertrauen in gut ausgebildete Menschen wünschen.

Die Digitalisierung ermöglicht es uns, unsere Tätigkeiten für den Konsumenten zu dokumentieren. Wenn sie abends bei einem Glas Wein auf der Couch sitzen und sich fragen, wo ihr Getränk eigentlich her kommt. Aber natürlich können unsere Kunden gerne auch weiterhin ganz analog zur Lese in den Weinberg, um für guten Wein zu schwitzen. Dann schmeckt das Gläschen zum Feierabend gleich nochmal so gut.

 

Das Interview führte Ingo Fischer.

Ihre Meinung

Stand: 18.10.2016, 09.30 Uhr

Darstellung: