Mensch mit Maschine - Teil 2

Vier Roboter sitzen vor Computer-Arbeitsplätzen in einem Büro. | Bildquelle: NDR

Ersetzt durch Kollege "Roboter"

Mensch mit Maschine (Teil 2 des Beitrags)

Björn Schwentker

Momentaufnahme des heute Möglichen kontra vage Prognosen

Dass eine Tätigkeit grundsätzlich automatisierbar wäre, bedeutet nicht zwangsläufig, dass sie von Maschinen ausführt wird. Aus diesem Grund sprechen die Arbeitsmarktexperten des IAB lediglich vom "Substituierbarkeitspotenzial" eines Berufs. Ihre Daten, die im Futuromat abrufbar sind, sollen bewusst keine Prognose für die Zukunft sein, sondern nur eine Momentaufnahme dessen, was heute schon möglich ist.

 

In diesem Punkt unterscheiden sich die IAB-Daten von den Prozentzahlen in vielen anderen Studien zur Digitalisierung der Arbeit. Dort beschreiben sie explizit die Wahrscheinlichkeit, mit der ein Beruf in den nächsten zehn oder 20 Jahren verschwindet. Dazu allerdings sind – wie bei allen Prognosen - Annahmen über die Zukunft nötig. Und die sind unsicher und stark beeinflussbar. Kritiker bemängeln, dass die Einschätzung dessen, was Kollege Roboter in den nächsten Jahrzehnten alles können wird, oft von Technologieexperten gemacht würde, die die technologische Entwicklung oft visionär überzeichnen. Anders gesagt lautet der Vorwurf: Die Experten sind nicht objektiv.

 

Am IAB haben nicht Technik-Freaks die beruflichen Tätigkeiten bewertet, sondern ein Team von Sozialwissenschaftlern. Je drei Forscher beurteilten unabhängig voneinander für rund 8.000 Tätigkeiten, ob diese schon durch computergesteuerte Technik ausgeführt werden könnten. Im Zweifelsfall wurde recherchiert, ob die nötigen Maschinen, Computerprogramme oder Roboter nicht nur entwickelt, sondern auch tatsächlich betriebsbereit sind.

 

Die meisten anderen Studien basieren auf nur wenigen hundert US-amerikanischen Berufen, die behelfsmäßig auf die deutsche Berufswelt umgerechnet wurden. Dagegen setzen die IAB-Daten des Futuromat direkt am deutschen Berufssystem an. Die exakt 3.950 Berufe des Datensatzes sind alle, die es in Deutschland laut Bundesagentur für Arbeit gibt. Deren Experten pflegen die Liste der Berufe unter dauernder Beobachtung von Arbeitsmarkt und Ausbildungswegen, und legen dabei ständig neu fest, welche Tätigkeiten aktuell in einem Job ausgeführt werden.

 

Höhere Automatisierbarkeit bedeutet weniger Beschäftigungszuwachs

Auch wenn die IAB-Prozentzahlen zu den Automatisierbarkeiten keine Prognosen sind – Trends für den Arbeitsmarkt lassen sich trotzdem damit berechnen. So zeigen exklusive ARD-Analysen der Daten, dass die Digitalisierung der Arbeitswelt bereits heute spürbar die Beschäftigungszahlen ändert – und auch die Löhne und Gehälter.

 

In Berufen, die schon heute großteils durch Maschinen oder Software erledigt werden könnten ("hoher" Automatisierungsgrad von mehr als 70 Prozent), wuchs die Zahl der Beschäftigung demnach im Zeitraum von 2012 bis 2015 nicht einmal halb so stark (+3,9%) wie in Berufen, die nur zu einem kleinen Anteil automatisierbar sind (+10,6%).

 

Finanzielle Nachteile bringt die Digitalisierung vor allem Arbeitnehmern ohne Ausbildung, in den sogenannten "Helfer"-Berufen. Bestanden ihre Jobs im Wesentlichen aus Routinetätigkeiten ("hoher" Automatisierungsgrad von mehr als 70 Prozent), stiegen Ihre durchschnittlichen Bruttolöhne und -gehälter in den Jahren 2012 bis 2015 nur um gut vier Prozent an. In Jobs mit niedriger Automatisierbarkeit wuchsen die Entgelte um fast neun Prozent.

 

Automatisierbarkeit dämpft positive Beschäftigungs-Trends

Um so viel Prozent stieg die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten seit 2012 in Berufen mit der angegebenen Automatisierbarkeit.*

Histogramm zur Automatisierbarkeit des Jobs. | Bildquelle: ARD | Björn Schwentker

*Die Automatisierbarkeit eines Berufes gilt als hoch, wenn mehr als 70% der wesentlichen Tätigkeiten dieses Berufs schon heute von Maschinen erledigt werden könnten. (mittel: über 30% bis 40% der Tätigkeiten automatisierbar, niedrig: 30% oder weniger automatisierbar)

Berechnungen: Björn Schwentker/ ARD

Quelle: Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung/ Bundesagentur für Arbeit

 

Mensch gegen Maschine? Das führt zu nichts.

Ob die Digitalisierung der Arbeitswelt letztlich zum großen Arbeitsplatzverlust führt, ist in der Wissenschaft umstritten. Die Wissenschaftlerinnen vom IAB halten auch das Gegenteil für gut möglich. Schließlich müssten computergesteuerte Maschinen nicht nur von Menschen entwickelt und gebaut werden. Am Ende brauche es auch Menschen, um sie zu bedienen und zu warten.

 

Für eher positive Aussichten spricht zudem ein Blick in die Geschichte: Denn letztlich erleben die Menschen schon seit der Industrialisierung, wie Maschinen kontinuierlich immer mehr und immer komplexere menschliche Arbeitsschritte übernehmen können. Von kurzzeitigen Krisen abgesehen ist die Beschäftigung dennoch ständig gewachsen – ebenso wie die Anforderungen an die menschliche Arbeit und das Ausbildungsniveau der Arbeitnehmer.

 

Lebenslange Weiterbildung in der digitalen Arbeitswelt

Es ist unwahrscheinlich, dass die technische Entwicklung plötzlich anhält und uns vor der Automatisierung unserer Arbeit "verschont". Die innere Auflehnung der Menschen gegen die Maschinen am Arbeitsplatz ist daher vermutlich reine Energieverschwendung. Versteht man das Digitale, das auf lange Sicht unweigerlich fast jeden Job-Alltag durchdringt, nicht als angsteinflößende Gefahr, sondern als Chance, entsteht hingegen erheblicher Raum für Optimismus.

 

Wenn Roboter und Computer uns auch in Zukunft immer mehr langweilige Routineaufgaben abnehmen, kann unsere Arbeit nicht nur anspruchsvoller, sondern auch spannender und erfüllender werden. Vorausgesetzt, wir machen den digitalen Wandel mit und lernen, Maschinen und Programme zu lenken und einzusetzen. Das dürfte für jeden Einzelnen vor allem eins bedeuten: lebenslange Weiterbildung mit und an der Seite von Computern, Robotern und Maschinen.

Stand: 14.10.2016, 11.00 Uhr

Darstellung: