Expedition ins Second Life - Teil 2

Es war einmal: Second Life

Des Avatars neue Kleider

Michael Herr

Ich bleibe der Norwegerin dicht auf den Fersen - wahrscheinlich wird sie mich jetzt in das Geheimnis einweihen, das die Menschen seit all den Jahren an diesen Ort führt. Die Norwegerin bringt mich in ein großes Haus. An den Wänden sind Gemälde mit Porträts angebracht. "Ist das ein Museum?", frage ich. "Das kannst du alles anziehen", antwortet sie reflexartig. "Ist alles umsonst". Ich brauche einen Moment, bis ich verstehe, was sie meint.

Das Museum ist eine Kleiderkammer, die Porträts an den Wänden sind Katalogbilder. Ein bisschen erinnert mich das Ganze an Michael Endes Geschichte von Momo. Wird da nicht auch an einer Stelle das Mädchen von einem grauen Herrn mit Kleidern und Spielzeug überhäuft, als es ihn nach dem Sinn des Zeitsparens fragt? Ich bedanke mich dennoch. Die Norwegerin muss leider gehen. Dringende Termine wahrscheinlich. Sie schickt mir noch eine digitale Freundschaftsanfrage, dann löst sie sich in einer weißen Wolke auf.

Umstyling à la Second Life

Ich bleibe allein in dem Haus zurück und suche mir ein neues Outfit aus. Das Aussehen der Avatare, soviel habe ich immerhin schon herausgefunden, spielt eine große Rolle. Möglicherweise hilft es bei der zukünftigen Kontaktaufnahme, nicht im voreingestellten Standardkleid unterwegs zu sein. Diesmal klappt sogar das Umziehen auf Anhieb.

Im grünen Petticoat bin ich gerüstet für die Suche nach dem Sinn dieser Welt. Das aber ist leichter gesagt als getan. "Second Life" erscheint mir riesig, die Anzahl der aktiven Spieler dagegen klein. Ich teleportiere mich an viele verschiedene Orte, doch selbst an den Plätzen, die die Macher des Programms als "besonders angesagt" bewerben, ist nicht viel los. Manchmal gelingt es mir, einige Spieler in kurze Gespräche zu verwickeln. Ein breitschultriger Avatar mit verspiegelter Sonnenbrille schenkt mir ein weiteres Paar Stöckelschuhe, das er selbst hergestellt haben will. Das Gespräch möchte er danach aber lieber über Skype fortsetzten. Ich trete den Rückzug an. Auf einen Flirt mit meinem analogen Ich hätte die Sonnenbrille ohnehin keine Lust.

Ich ziehe weiter durch schier endlose Städte und Landschaften. Mein Weg führt mich in den Reitclub und in ein Geisterhaus, doch wozu diese riesigen Areale gut sein sollen, kann mir niemand erklären. Schließlich gerate ich auf eine Party. Fünfzehn Avatare, darunter der kleine Troll Joda aus "Star Wars" und viele leicht bekleidete Frauen tanzen in einem Bungalow zu House-Musik. Als ich eintrete, prasseln von allen Seiten Begrüßungen auf mich nieder. Endlich aufgeschlossene Menschen! Doch als ich nach einer kurzen Unterhaltung wissen will, was sie an "Second Life" schätzen, wird die fröhliche Runde plötzlich patzig. Sie speisen mich mit sinnlosen Phrasen ab wie "Warum ist die Banane krumm?"

Stand: 08.04.2016, 04.09 Uhr

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