Expedition ins Second Life - Teil 3

Es war einmal: Second Life

"Ich treffe hier Leute"

Michael Herr

Es dauert eine Weile, bis ich den Grund für dieses seltsame Verhalten verstehe: Die Avatare, die hier feiern, sind computergesteuert. Ihnen wurden nur ein Paar Tanzschritte und Smalltalkphrasen einprogrammiert. Den Sinn der digitalen Welt können sie mir nicht erklären, sie sind selbst ein integraler Teil von ihr.

Ich bin frustriert. Mehr als zehn Minuten habe ich mich mit einem Computerprogramm unterhalten. Mehrere Stunden habe ich in dieser Welt zugebracht und nichts Wesentliches über sie herausbekommen. Ich stehe kurz davor, meine Expedition abzubrechen. Ich wage einen letzten Versuch und teleportiere mich in den Londoner Hyde Park. Die kleine Rasenfläche, eingezwängt zwischen mehrgeschossige Häuser, erinnert zwar nicht im Geringsten an sein vermeintliches Vorbild in der britischen Hauptstadt. Dafür entdecke ich eine kleine Gruppe von Avataren, die sich auf einer freien Fläche in der Mitte des Parks versammelt hat.

Digitales Kaffeekränzchen

Meine Erfahrungen in dieser Welt haben mich misstrauisch gemacht. Vorsichtig frage ich deshalb erst einmal in die Runde, ob hier Menschen anwesend sind. "Klar", gibt eine blonde Frau zurück, die am anderen Ende des Platzes steht. Ich gehe zu ihr hin. Sie nennt sich Rose, kommt aus Texas, hat eine Tochter und ist schon seit vielen Jahren im "Second Life" aktiv. Ich stelle die Frage, die mich seit Stunden rumtreibt: "Was bindet dich an 'Second Life'?" "Ich treffe hier Leute", gibt sie zurück. Mit den Jahren habe sie sich einen aktiven Freundeskreis aufgebaut. So ist das also, denke ich mir, das "Second Life" dieser Tage ist eine Plattform für Veteranen. Langjährige Mitglieder treffen sich zum digitalen Kaffeekränzchen, um sich der guten alten Zeiten zu erinnern.

"Ich treffe aber auch gern neue Leute, mit ganz verschiedenen Hintergründen", reißt sie mich aus diesen Gedanken. Ob denn überhaupt noch viele Menschen hierherkämen, frage ich sie skeptisch. "Na klar, jede Menge!" Habe ich nicht den halben Tag damit zugebracht, Gesprächspartner zu finden? "Das variiert von Tag zu Tag, mal ist mehr, mal weniger los." Ich solle an einem Wochenende wiederkommen, da könne sie mich auch mal ein wenig herumführen. Jetzt müsse sie aber wirklich ins Bett. Zum Abschied schenkt sie mir noch ein paar selbstgemachte Outfits ("Das Designen macht echt Spaß, ist wie mit einer Barbiepuppe spielen, nur dass du die Avatare piercen kannst"), dann verschwindet auch sie in der weißen Wolke.

Ich verlasse den Park und gehe die Straße entlang. Die Gebäudereihen ziehen vorbei. Wie ein Friedhof ist es mir nicht vorgekommen, dieses "Second Life". Eher wie ein dünnbesiedeltes, fremdes Land, dessen Kultur für Neuankömmlinge völlig unverständlich ist, das mit sich selbst aber im Reinen scheint. An der nächsten Ecke mache ich halt. Und lasse mich von der weißen Wolke abholen.

Stand: 08.04.2016, 04.10 Uhr

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