Freifunk - WLAN als Zugang zur Heimat - Teil 2

Freifunker Michael Ziegler vor dem SWR Gebäude in Mainz. | Bildquelle: ARD.de

Freifunk: Freies WLAN für Flüchtlinge

Virtuelle statt physische Heimat

Interview von Daniel Isengard

Mein erster Impuls war: Bei allem, was den Flüchtlingen fehlt, wie kommt man da auf WLAN?

Die Anfrage kommt von den Flüchtlingen selbst. Viele haben ein Smartphone, vielleicht der letzte halbwegs wertvolle Gegenstand, den sie von zuhause mitnehmen konnten. Das ist eben klein, handlich und für eine Flucht um die halbe Welt elementar notwendig, um irgendwie Kontakt zu anderen Menschen herstellen zu können. Zum Beispiel um herauszufinden, welche Routen sie nehmen können.

In den meisten Teilen der Welt klappt es relativ unkompliziert, irgendwo Internetzugang zu bekommen. In Deutschland ist das sehr schwierig. Menschen die hier ankommen, können keinen Handyvertrag mit Internetzugang abschließen. Ohne klaren Aufenthaltsort gibt es keinen Vertrag - und finanziell geht es den meisten ja auch nicht wirklich gut. Also sind sie erstmal von aller Welt abgeschnitten.

Wie würden Sie die Begriffe "Heimat" und "Freies WLAN" in Verbindung setzen?

Gerade Menschen, die ihre physische Heimat verloren haben, bleibt nur die virtuelle Heimat. Personen, die einem lieb und teuer sind, hat man ja nicht einfach vergessen. Man will wissen, wie es ihnen geht, Nachrichten austauschen oder Fotos schicken. Das Internet ist die segensreiche Technologie, WLAN die notwendige Brücke.

Aber warum suchen Hilfsorganisationen den Kontakt zu den Freifunkern und nicht zu den normalen Internetanbietern?

Es ist in Deutschland ein großes Problem, wenn man ein freies Internet zur Verfügung stellen möchte. Es braucht ein gewisses Know-How, um eine Unterkunft für mehrere hundert Menschen zu versorgen. Wir können schnell und unbürokratisch kostengünstige Lösungen vorschlagen. In Mainz läuft das meistens so: Wir werden angefragt und gucken uns das an. Dann geben wir den Maltesern einen Wunschzettel, sie kaufen die Sachen und wir bauen sie auf. Wir halten auch den Kontakt, falls es mal Probleme gibt.

Oft kriegen wir vor Ort direktes Feedback von den Flüchtlingen. Ich war mal bei einer Unterkunft dabei, als wir die Technik aufgehängt haben. Wir waren gerade 5 Minuten fertig und schon waren die ersten 20 Geräte verbunden. Das verbreitet sich wie ein Lauffeuer. Es kommt sehr viel Dankbarkeit zurück. Nach einer Installation wurden wir direkt zum Tee eingeladen.

Wird in anderen Städten ähnlich intensiv mit den Flüchtlingsunterkünften gearbeitet?

Die Grundproblematik ist überall die gleiche. In Mainz ist die Situation recht gut, da mit den Mainzer Betreuungsorganisationen eine gute Kooperation läuft. Angeblich möchte die Telekom das jetzt auch anbieten. Das freut uns für jeden Flüchtling, der dadurch mehr Internetzugang bekommt.

Also wäre das keine Konkurrenz?

Nein. Das Wichtigste ist, dass die Menschen Internetzugang bekommen. Ich bin aber gespannt, ob sie das wirklich als frei und offen umsetzen oder es dann doch komplizierter machen, als es sein müsste. Oder ob das nicht nur ein paar Prestige-Projekte sind.

Was muss man machen, um bei euch mithelfen zu können?

Manpower ist immer gut. Wir sind zwar nicht schlecht aufgestellt, aber offen für jeden, der mitmachen möchte. Natürlich schaden auch Spenden nicht, aber das ist gerade nicht der kritische Punkt.

Man kann uns einfach kontaktieren, z.B. über Facebook oder per Mail. Das nötige Know-How ist erst mal nicht so hoch. Die Leute, die wirklich was programmieren, kann man an ein bis zwei Händen abzählen. Es gibt deutlich mehr, die sagen: ich nehme mir ein paar Nachmittage Zeit und komme mit in eine Flüchtlingsunterkunft, um ein paar Geräte aufzuhängen.

Man kann aber auch helfen, indem man einfach seinen Internetzugang zur Verfügung stellt. Dann kauft man sich einen handelsüblichen Router, spielt die Freifunk-Firmware auf und teilt sein Internet z.B. mit der Flüchtlingsfamilie, die im Haus gegenüber wohnt. 

Stand: 10.10.2015, 16.29 Uhr

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