Heimat in der Hosentasche - Teil 2

Heimat in der Hosentasche

Ein Chat kann gefährlich werden

Tasja Demel

Persönliche Kontakte und Familienzusammenhalt sind der Kern seiner Kultur, sagt Mesfin Mulugeta. Aber 5.000 Kilometer von Äthiopien entfernt hat er kaum jemanden, mit dem er sich von Angesicht zu Angesicht unterhalten kann, weil er wenig Freunde hat und noch nicht so gut Deutsch spricht.

Das mache die Kommunikation mit seiner Familie übers Internet so wichtig für ihn. In Äthiopien leben noch seine Eltern und sein Bruder, sagt er. Regelmäßig unterhalten sie sich über die Videotelefoniedienste Skype und Viber. Dort tauschen sie ihre Erlebnisse aus – Mulugeta über das fremde Deutschland, seine Familie über das Leben im autoritär regierten Äthiopien.

Ganz ungefährlich ist das nicht: Die Regierung sei bekannt für ihre starke Überwachung und sogar Hacking, sagt Mulugeta. In seiner Heimat sei er als Oppositioneller aktiv gewesen und habe deshalb fliehen müssen. Seine Familie erlebe immer noch Schikanen. "Ich habe Angst um sie", gesteht Mulugeta, "aber ich will nicht immer über meine schlechten Tage sprechen." Wenn sie reden, verschweigen beide Seiten die negativen Dinge, die sie erlebt haben. Trotzdem wisse die andere Seite aber darum, sagt Mulugeta. Er vermisst seine Familie, hat Heimweh. Daran kann wohl auch das Internet nichts ändern.

Smartphones können Heimweh nur lindern

"Durch die digitale Kommunikation wird das Leid nur sehr begrenzt gemildert“, sagt Hacı-Halil Uslucan, Leiter des Zentrums für Türkeistudien und Integrationsforschung. In einer Studie hat er zum Thema Heimweh bei Migranten und Migrantinnen geforscht. Mit der Familie in der Heimat zu sprechen könne zwar akute Sehnsucht lindern, so Uslucan. Doch wirklich helfen würde nur eines: "Wenn man auch in seiner neuen Heimat angenommen wird." Heißt: Sobald man in der neuen Heimat Deutschland akzeptiert ist und wieder eine sinnvolle Tätigkeit hat, hat man auch weniger Heimweh.

Aber Mesfin Mulugeta hat keine deutschen Freunde. Zwar nimmt er an einem Projekt teil, das Studenten der Frankfurter Goethe-Universität und Flüchtlinge als Partner vermittelt, und er besucht einen Deutschkurs. Doch im Alltag seien die Deutschen sehr verschlossen.

Mit Blogs Politik machen

Eine andere Erfahrung hat Syit Da gemacht. Er wohnt in einem kleinen Ort in der Nähe von Frankfurt. Dort sei er sehr gut aufgenommen worden, erzählt er. Die Gemeinde habe sich sofort um ihn und seine Frau gekümmert. Ein Freiwilliger habe auch dafür gesorgt, dass er ein gebrauchtes iPhone und einen Internetanschluss in der Wohnung bekommt.

Der war ihm sehr wichtig, denn wie viele Oppositionelle beschäftigen sich Syit Da und Mesfin Mulugeta in Deutschland verstärkt mit der politischen Situation in ihrer Heimat. In Blogs kritisieren sie die aktuelle äthiopische Regierung und diskutieren über Lösungsvorschläge mit anderen Äthiopiern, die in Deutschland leben. "In Deutschland gibt es Meinungs- und Pressefreiheit - und ich habe beschlossen, sie zu nutzen", sagt Syit. Ihre Informationen beziehen sie von anderen äthiopischen Exil-Medien und Freunden, die immer noch im Land leben.

Ein Leben ohne Netz? Nicht mehr denkbar. "Ohne das Internet hätte ich kaum Kontakte, könnte kein Deutsch lernen. Das Leben wäre wesentlich schwerer", sagt Syit. "Das Internet hilft uns viel, politisch und akademisch." Neben aktueller Nachrichten könne er auch nach Stipendien und Jobs schauen. Auch Mesfin Mulugeta kann sich nicht mehr vorstellen, ohne Internet und Smartphone zu sein: "Sie sind Teil meines Lebens. Wie könnte ich mein Leben verlieren?"

Stand: 19.03.2016, 03.21 Uhr

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