Heimat zum Mitnehmen

Interview mit Karsten Knorr

"Entfernung spielt im digitalen Zeitalter keine Rolle mehr“

Stefanie Otto

Er sieht sich selbst als digitalen Nomaden - und kann sich kein Leben ohne Internet mehr vorstellen: Für Karsten Knorr ist die Heimat an keinen festen Ort gebunden.

  • geboren 1967 in Berlin
  • Studium der Nachrichtentechnik sowie Gesellschaft- und Wirtschaftskommunikation in Berlin
  • 2001 nach Australien ausgewandert
  • Gründer einer Yacht-Charter-Agentur
  • seit 2014 ohne festen Wohnsitz
  • Gründer und Skipper des Coboat-Projekts

Stefanie Otto: Warum haben Sie sich entschlossen, aus Berlin wegzugehen?

Karsten Knorr: Ich habe damals schon im Bereich Web-Anwendungen gearbeitet. 2000 kam der große Dotcom-Crash. Da hat sich die Stimmung auch in Berlin verändert. 

Den Wunsch, mehr zu reisen und mehr von der Welt zu sehen, gab's schon länger. Schon in der Schule war ich immer sehr fasziniert, wenn mein Erdkundelehrer Dia-Vorträge gehalten und uns von seinen Reisen erzählt hat. Das wollte ich auch erleben.

Und wo ging es dann hin?

2001 bin ich mit meiner damaligen Freundin aufgebrochen. Wir haben die Wohnung aufgelöst, alles eingelagert, in einen Container gestellt. Wir sind durch Asien gereist, irgendwann nach Australien gekommen und in Sidney hängen geblieben.

Dort habe ich überlegt: Was mach ich jetzt? Und ich hatte und habe immer noch diese zwei großen Leidenschaften: digitale Webmodelle und das Segeln. Und so ist die Yacht-Charter-Agentur entstanden, die es mittlerweile seit zehn Jahren gibt.


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Karsten Knorr

Karsten zieht es immer wieder hinaus in die Welt. | mehr

Stefanie Otto

Sie sind seit einem Jahr ohne festen Wohnsitz unterwegs. Mit welchem Ziel?

Ich habe kein bestimmtes Ziel. Manchmal gab's so ein paar Ideen, was ich gern sehen möchte und dann bin ich dahin gereist. In den letzten Monaten waren das Französisch-Polynesien, Neuseeland, Fidschi, Frankreich, Österreich, Malaysia, Philippinen, Indonesien und jetzt Thailand.

Wie wichtig ist das Internet in Ihrem Leben?

Ohne Internet zu leben ist für mich mittlerweile nur schwer vorstellbar. Das Gute ist, dass es in den meisten Ländern, gerade im asiatischen Raum, sehr schnelle mobile Datennetzwerke gibt. Wenn ich am Flughafen ankomme, kaufe ich mir immer zuerst eine Prepaid-Karte. Damit ist die Verbindung zur Welt dann wieder hergestellt.

So halte ich auch Kontakt zu Familie und Freunden. Zum Beispiel mit Skype, Internettelefonie und E-Mail. Ich kann mich noch erinnern, als ich das erste Mal in Amerika war. Mit 16, 17 Jahren. Da war Telefonieren extrem teuer. Ein Brief hat ewig gebraucht. Fax gab es auch noch nicht. Aber heute spielt die Entfernung im digitalen Zeitalter gar keine Rolle mehr. 

Es ist natürlich schön, Freunde und Familie persönlich wieder zu sehen, etwas mit ihnen zu unternehmen und durch gemeinsame Erlebnisse die Nähe zu vertiefen. Aber ich bin sehr froh, wenn ich aus Deutschland wieder weg bin. 

Jetzt planen Sie auch mit dem Coboat ein Projekt, das Segeln und Coworking, also gemeinschaftlich genutzte Büroräume, kombiniert. Haben Sie bisher viel in Coworking-Spaces gearbeitet?

Auf Ko Lanta, meiner Lieblingsinsel in Thailand, bin ich durch Zufall in so ein Coworking-Space reingestolpert. Es hat mich überrascht, wie viele digitale Nomaden es gibt. 

Was bedeutet für Sie Heimat?

Heimat ist immer da, wo ich mich grad wohlfühle. Ein Nest brauche ich auch, aber das kann man sich schnell bauen. Das Heimatgefühl stellt sich auch bei mir nicht sofort an einem neuen Ort ein. Aber ich bleibe meist ein paar Monate, länger als die normalen Touristen. Und wenn man so langsam in die Community reinwächst, mehr Leute kennenlernt und an deren Alltag teilnimmt, dann stellt sich irgendwann ein Gefühl des Zuhauseseins ein.

Natürlich kann man die deutschen Wurzeln nicht ablegen, das möchte ich auch nicht. Zum Beispiel rede ich von Zuhause, wenn ich anderen etwas aus Deutschland erzähle. Und dann denke ich an meine Freunde aus der Jugend und an die Plätze in Berlin, an denen wir oft waren. Auch heute gibt es immer noch so ein Gefühl des Nachhausekommens, wenn ich nach Deutschland fahre. Aber ich komme sehr schnell wieder an den Punkt, wo ich wieder weg muss. Weil es viele deutsche Eigenschaften oder Verhaltensweisen gibt, die mir nicht so richtig Spaß machen.

Zum Beispiel?

Allein schon am Flughafen, wenn ich einem mies gelaunten deutschen Beamten oder Busfahrer begegne. Das gibt mir das Gefühl, nicht willkommen zu sein. In Australien gibt es einen ganz anderen Umgang unter den Leuten. Nach einer gewissen Zeit - vier, sechs oder auch mal acht Wochen – packt mich dann wieder das Fernweh. Und dann muss ich raus aus dem Land. Insoweit ist Heimat für mich nicht mehr ein spezieller Platz in der Welt.

Wo geht es als nächstes hin?

Wir wollen in den nächsten drei bis vier Jahren mit dem Coboat einmal um die Welt segeln. Also ist das Boot erstmal meine Heimat.

Stand: 02.04.2016, 04.04 Uhr

Interview mit Christine Sinnwell-Backes

"Heimat hat mit Wurzeln zu tun"

Stefanie Otto

Christine Sinnwell-Backes würde nie auf die Idee kommen, auszuwandern. Die zweifache Mutter findet in ihrer Familie ihre Heimat und bleibt als überzeugte Saarländerin dem Saarland treu.

  • geboren 1979 in Saarlouis (Saarland)
  • Lehramtsstudium der Germanistik und Geographie in Trier
  • betreut eine Lese-Schreibwerkstatt für Kinder und Jugendliche
  • seit 2013 betreibt sie den Foodblog "Little Red Temptations"
  • ist verheiratet und hat zwei Kinder

Stefanie Otto: Warum haben Sie sich entschieden, in ihrer Heimat zu bleiben?

Christine Sinnwell-Backes: Für mich gab's nie die Option, nicht im Saarland zu bleiben. Ich glaube, da bin ich schon so der typische Saarländer, der das Saarland nicht verlassen will. Für mich ist es wichtig, dass ich meine Familie ganz nah bei mir habe.

Was bedeutet für Sie Heimat?

Für mich ist Heimat Familie. Ganz klar und ganz eng. Und dann hat Heimat auch mit Wurzeln zu tun. Also: Wo komme ich her? Wo habe ich mir etwas aufgebaut? Man wird älter, gründet eine eigene Familie, und gerade hier finde ich es so schön, wenn man auch über mehrere Generationen so nah beieinander ist.

Man sagt ja: Heimat ist, wo man verstanden wird und die gleiche Sprache spricht. Das geht mir auch so. Denn die Sprache und die Literatur sind mir eben sehr wichtig. Ich könnte mir gar nicht vorstellen, auszuwandern oder im Ausland zu leben.

Und Heimat ist für mich das Saarland. Ich hab meine Examensarbeit in Geographie zum Beispiel über den Litermont geschrieben. Und ich kenne auch all die Sagen, die sich um diesen Berg ranken. Ich habe dort am Weidendom geheiratet. Deshalb ist der Litermont so ein besonderer Ort für mich.


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Christine Sinnwell-Backes

Christine blieb im Saarland. | mehr

Stefanie Otto

Was würde ihnen fehlen, wenn Sie nicht hier in der Region leben würden?

Zum einen natürlich der Kontakt zu den Eltern und zu sehr nahen Freunden. Und jetzt wo wir ein eigenes Haus haben, finde ich auch das schön. Ich habe angefangen, einen Garten anzulegen und alles so einzurichten, wie es uns gefällt und wie wir uns wohlfühlen. Kulinarisch betrachtet würden mir im Sommer dann tatsächlich die Schwenker fehlen. Und allgemein: die saarländische Mentalität.

Meine Lese-Schreib-Werkstatt ist mir aber auch sehr wichtig. Mittlerweile ist eine kleine Kinder- und Jugendbücherei daraus erwachsen und entstanden. Das würde mir am meisten fehlen: wenn man so viel Zeit und Liebe investiert hat und dann Abschied nehmen muss.

Neben der Schreibwerkstatt nutzen Sie die Elternzeit auch für andere kreative Projekte. Wie kamen Sie zum Bloggen?

Ich hab von einer Freundin, die mit mir in der Schreibwerkstatt tätig ist, zum Geburtstag ein Backbuch von einer Bloggerin geschenkt bekommen (Anm. d. Red.: Daniela Klein - "Ein klitzekleines Blog" - eine der erfolgreichsten Foodbloggerinnen in Deutschland).

So bin ich in die Welt der Backblogs reingestolpert. Das Thema Backen war zu der Zeit auch mein Thema. Und ich habe immer schon gern geschrieben. So kam mir der Gedanke, dass es schön wäre, darüber zu schreiben, was ich so in meiner Küche mache. Dadurch kommt man dann auch über die Heimat, über die Wohnung hinaus und mit anderen Menschen in Kontakt. Denn über's Netz kann ich viele Ideen und Inspiration mit anderen teilen.

Wie wichtig ist Ihnen die Internetverbindung?

Sie ist durchs Bloggen tatsächlich viel wichtiger geworden. Jetzt ertappe ich mich schon, dass ich jeden Tag online bin. Dass ich schnell mal auf dem Blog nachgucke oder bei Facebook kurz vorbeischaue. Ich genieße es auch, auf anderen Blogs zu stöbern. Zu schauen, was auf meinen Lieblingsblogs so passiert. Oder bei Pinterest. Da lasse ich mich dann ganz viel von Bildern inspirieren.

Außerdem nutze ich das Netz auch, um mit Freunden in Kontakt zu bleiben. Bei WhatsApp habe ich viele thematische Gruppen; Facebook nutze ich auch. Aber auch ganz normal das Telefon. Einen Teil meiner Freunde sehe ich ganz oft und regelmäßig. Und bei anderen ist es eher mal so eine kleine Nachricht. Wenn man selbst Kinder hat, ist auch der Lebensrhythmus oft ganz anders als bei Freundinnen, die noch keine Kinder haben.

Was ist Ihr nächstes Ziel?

Mein großer Wunsch ist ein eigenes Buch zu schreiben - ein Backbuch zum Beispiel oder ein Kinderbuch. Das Backbuch könnte schon bald Realität sein. Und das Manuskript für das Kinderbuch liegt fertig in der Schublade. Jetzt muss ich mich nur noch trauen, es einem Verlag zu schicken. Und sonst bekommt es zumindest meine Tochter irgendwann gedruckt.

Stand: 19.03.2016, 03.01 Uhr

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