Interview mit Andreas Müller

Jugendstrafrichter Andreas Müller aus Berlin. | Bildquelle: Pressefoto

Andreas Müller, Jugendstrafrichter

"Unsere Gesellschaft ist eine sehr tolerante Gesellschaft geworden"

Andreas Müller ist Jugendstrafrichter in Bernau bei Berlin und entscheidet über viele Fälle mit teilweise harten Urteilen. Auch seine ehemalige Kollegin Kirsten Heisig stand oft vor schwierigen Entscheidungen. Der Filmmittwoch "Das Ende der Geduld", der am 19. November im Ersten zu sehen ist, erzählt die Geschichte der 2010 verstorbenen Jugendrichterin. Im Interview mit ARD.de erklärt Andreas Müller, was für ihn Toleranz bedeutet.

ARD.de: Was ist für Sie Toleranz?

Andreas Müller: Die Unterschiedlichkeit der Menschen achten. Leben nach Artikel 3 Grundgesetz (Gleichheitsgrundsatz).

Bei welcher Gelegenheit haben Sie sich zum letzten Mal tolerant gezeigt?

Im Rahmen von politischen Auseinandersetzungen, was mir manchmal schwer fällt.

Wann waren Sie das letzte Mal intolerant?

Bestimmt bezüglich rechtsradikaler und menschenverachtender Gedankenäußerung, hier hört für mich die Toleranz auf.

Kann man Toleranz lernen?

Ja, durch Kennenlernen des Andersartigen. Wenn man erstmal das Fremde kennenlernt, verliert der Mensch seine Angst und wird dadurch toleranter.

Wo fehlt es in unserer Gesellschaft besonders an Toleranz?

Unsere Gesellschaft ist eine sehr tolerante Gesellschaft geworden. Man darf fast alles, solange man andere nicht schädigt oder schädigen könnte. Beim Thema Cannabis fehlt es allerdings an Toleranz. Hier werden Menschen immer noch strafrechtlich verfolgt, weil sie statt Alkohol zu trinken lieber kiffen wollen. Hier ist die politische Mehrheit trotz Artikel 3 Grundgesetz einfach schlicht intolerant und ignorant.

Sie sind Jugendrichter in Bernau und bekannt für ihre harte Gangart gegenüber Neonazis. Inwieweit muss man fremdenfeindliche Meinungen in einem demokratischen Rechtstaat tolerieren und ab wann ist Fremdenfeindlichkeit strafbar?

Man muss fremdenfeindliche Gedanken nicht tolerieren, sondern lediglich akzeptieren, dass sie da sind. Man darf und kann Meinungen nicht verbieten, man kann sie lediglich durch Überzeugungsarbeit verringern, eingrenzen und vielleicht irgendwann auf Null reduzieren. Letzteres wäre meine Wunschvorstellung. Fremdenfeindliche Gedanken sind nicht strafbar, solange sie nicht als Volksverhetzung oder Verwenden von verfassungsfeindlichen Symbolen gewertet werden müssen. Fremdenfeindlich motivierte Gewaltstraftaten oder andere Straftaten werden bestraft. Hierbei findet dann im Rahmen der Strafzumessung das Motiv des Handelns Berücksichtigung und es kann härter verurteilt werden.

Was hat sich seit dem Tod Ihrer Kollegin Kirsten Heisig für Sie bei der Ausübung Ihres Berufs geändert?

Kann ich nicht in fünf Sätzen beantworten und auch nicht in zehn. Punkt.

Glauben Sie daran, dass Ihre Urteile die Bestraften zu toleranteren Menschen machen?

Das ist nicht Aufgabe der Strafgerichte sondern eine gesellschaftliche Aufgabe. Auch ein Jugendrichter kann in aller Regel die Inhalte der Köpfe nicht verändern. Man kann es natürlich versuchen, manchmal sogar erfolgreich.

Hat der Beruf des Richters Ihre persönliche Vorstellung von Toleranz verändert und unterscheiden Sie zwischen privater und beruflicher Toleranz?

Zur ersten Frage Nein. Zur zweiten Frage Nein.

Das Interview führte Karola Kallweit.

Stand: 16.05.2015, 02.19 Uhr

Darstellung: