Interview mit Dr. Heiner Geißler

Dr. Heiner Geißler. | Bildquelle: picture-alliance/dpa

Dr. Heiner Geißler, Politiker und Autor

"Es gibt keine Freiheit für die Feinde der Freiheit"

Der ehemalige Bundesminister und Generalsekretär der CDU, Dr. Heiner Geißler, war vor seinem Einstieg in die Politik als Richter tätig. Seit 2007 ist er Mitglied der globalisierungskritischen Nichtregierungsorganisation "Attac". Im Interview mit ARD.de erklärt er, warum man bestimmten Gruppen gegenüber nicht tolerant sein kann.

ARD.de: Was ist für Sie Toleranz?

Dr. Heiner Geißler: Toleranz kommt vom lateinischen tolerare, was so viel wie ertragen und aushalten bedeutet. Tolerieren heißt, die Last zu ertragen, die eine andere Person, Meinung, Weltanschauung, Religion, Volkszugehörigkeit, Rasse für meine Überzeugung, meine Identität; mein Ehrgefühl, meine Religion bedeutet. Intoleranz bedeutet dagegen die Unfähigkeit oder die Weigerung, eine solche Last zu tragen. Zu diesem Zweck wird das verteufelt, was man nicht akzeptieren, nicht tolerieren will, alles was einem nicht passt.

Bei welcher Gelegenheit haben Sie sich zum letzten Mal tolerant gezeigt?

Ich muss Toleranz üben beim Autofahren, beim Schlangestehen an der Kasse und gegenüber den Petenten, die tagtäglich mit ihren Fragen an mich herantreten.

Wann waren Sie das letzte Mal intolerant?

In allen Kolumnen und Artikeln, in denen ich mich mit den ökonomischen und religiösen Absolutismen auseinandersetze. Es gibt keine Freiheit für die Feinde der Freiheit und infolgedessen keine Toleranz für Islamisten, Salafisten und IS-Krieger, die als selbsternannte Ajatollahs ihre Wahrheit anderen Menschen mit Gewalt aufzwingen wollen. Intoleranz gilt für mich auch gegenüber allen Ehemännern, die in der Anonymität der Ehe Frauen und Kinder misshandeln und missbrauchen.

Kann man Toleranz lernen?

Dazu bedarf es einer ständigen Sensibilisierung und Bewusstseinserweiterung der in einer Zivilgesellschaft lebenden Menschen. Dies ist nicht zuletzt eine Frage der Bildung in unseren Schulen, des gleichberechtigten Zusammenlebens in der Familie, der religiösen und politischen Eliten.

Wo fehlt es in unserer Gesellschaft besonders an Toleranz?

Vor allem gegenüber Frauen, Homosexuellen, Asylbewerbern und alten, demenzkranken Menschen.

Sie waren Schlichter im Streit um das Bauvorhaben Stuttgart 21 - welche Rolle spielte der Toleranzgedanke während des Schlichtungsprozesses für sie persönlich?

Wichtig waren das Schaffen einer toleranten Atmosphäre und eines fairen, toleranten Verfahrens, d. h.: Alle an einen Tisch, alles auf den Tisch, Diskussion und Faktencheck auf Augenhöhe inklusive Finanzierung der Sachverständigen und Gutachten der Projektgegner aus öffentlichen Mitteln.

Wieviel Stuttgart 21, Elbphilharmonie oder BER muß der Bürger eigentlich tolerieren?

Möglichst viele, wenn sie von Anfang an dem Grunde nach und auch in den Alternativen durch Bürgerbefragungen und Volksabstimmungen legitimiert werden.

Wünschen Sie sich manchmal mehr Toleranz gegenüber Politikern und ihren Entscheidungen?

In der Politik gibt es keine letzten Entscheidungen, sondern nur vorletzte. Deshalb müssen sie jederzeit zur Diskussion stehen und können auch abgelehnt werden. Persönliche Angriffe, Beleidigungen, Hetzkampagnen und willkürliche Verdächtigungen müßten endlich geächtet werden.

Das Interview führte Karola Kallweit.

Stand: 16.05.2015, 02.16 Uhr

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