Interview mit Reinhard Oehler

Reinhard Oehler. | Bildquelle: Andreas Oehler

Reinhard Oehler, Pfarrer im Ruhestand

"Der Krieg kennt keine Achtung vor dem menschlichen Leben"

Reinhard Oehler ist 88 Jahre alt. Er hat als Kind, Jugendlicher und junger Soldat die Nazi-Diktatur, die Schrecken des Zweiten Weltkriegs und französische Kriegsgefangenschaft miterlebt. Diese Erlebnisse haben ihn dazu bewogen, evangelische Theologie zu studieren und als Geistlicher den Frieden unter den Menschen zu fördern.

ARD.de: Was ist für Sie Toleranz?

Reinhard Oehler: Toleranz ist für mich Duldung, d.h. das Ertragen von Fremdheit im befremdenden oder annehmbaren Sinn, aber noch nicht Concordia, d.h. Übereinstimmung in willkommener Form.

Bei welcher Gelegenheit haben Sie sich zum letzten Mal tolerant gezeigt?

Als in der Türkei vor wenigen Wochen bei einem schweren Bergwerksunglück viele Bergleute ums Leben kamen, habe ich auf dem Markt einen Arm voll weißer Rosen gekauft und in das türkische Restaurant gebracht, in dem ich bisweilen Mittag esse.

Wann waren Sie das letzte Mal intolerant?

Der Pfleger der Sozialstation klingelte neulich an meiner Tür. Als ich öffnete, war er einfach nicht mehr da. Beim nächsten Mal habe ich ihn abgewiesen und mir die Kompressionsstrümpfe selber ausgezogen.

Kann man Toleranz lernen?

Man muss es, denn sonst übersieht man die dafür gegebenen Situationen, man ist dafür blind. Aber man kann die Grenzen der Toleranz nicht abschätzen.

Wo fehlt es in unsrer Gesellschaft besonders an Toleranz?

In der Behandlung und Beurteilung von Flüchtlingen. Es wird nicht unterschieden zwischen solchen, die in der Gesellschaft aufgenommen werden wollen, und denen, die einfach nur für eine bestimmte Zeit Schutz und Aufnahme in einem sicheren Land suchen. Ich habe den Eindruck, dass immer so getan wird, als wollten alle für immer bleiben und Flüchtlinge daher als Belastung empfunden werden.

Sie haben den Zweiten Weltkrieg und das damit einhergehende Grauen als Jugendlicher und Soldat miterlebt. Krieg als schlimmste Form der Intoleranz. Wie hat diese Erfahrung Sie geprägt?

Krieg war Alltag, also selbstverständlich! Daneben war aber auch Menschlichkeit, auch gegenüber dem Gegner zu finden - nicht selten durch christlichen Glauben motiviert. Ich habe damals gemerkt, dass der Krieg keine Achtung vor dem menschlichen Leben kennt. Trotzdem aber kommt man in Situationen, wo diese Freund-Feind-Entscheidung nicht gewählt werden kann und wo die Menschlichkeit den Vorzug erhält. Krieg ist daher für den Menschen auf Dauer nicht zu ertragen! Das Gewissen spricht gegen das "Kriegs-"denken! Zum Beispiel habe ich in der Kriegsgefangenschaft Franzosen kennengelernt und diese Begegnungen waren für mich nicht vom Hass getrieben, sondern von der Achtung vor anderen Menschen.

Angesichts der kriegerischen Auseinandersetzungen in der Ukraine, in Syrien und an anderen Orten dieser Welt – könnte ein toleranteres Miteinander vielleicht Kriege verhindern?

Eher noch der Sinn für Gerechtigkeit, der an friedlichen Lösungen für die Probleme interessiert ist. Gerechtigkeit und Eintracht sind die Grundbedingungen für eine gedeihliches Miteinander!

Stand: 16.05.2015, 02.20 Uhr

Darstellung: