Interview mit Wolfgang Thierse

Wolfgang Thierse. | Bildquelle: picture-alliance/dpa

Wolfgang Thierse, Politiker

"Toleranz ist eine herbe Tugend"

Der SPD-Politiker und ehemalige Bundestagspräsident Wolfgang Thierse leistet seit langer Zeit aktiven Widerstand gegen rechtsextreme Strömungen. Im Interview mit ARD.de erläutert der bekennende Katholik, worin die Schwierigkeit im "Tolerant-Sein" besteht.

ARD.de Was ist für Sie Toleranz?

Wolfgang Thierse: Toleranz ist eine sehr anstrengende, herbe Tugend, denn sie meint - entgegen einer verbreiteten Stimmung - nicht Laisser-faire, Gleichgültigkeit, Beliebigkeit, auch nicht die Verständigung auf den kleinsten gemeinsamen Nenner. Bei der Toleranz geht es vielmehr um die schwierige Verbindung des eigenen Wahrheitsanspruchs mit der Anerkennung des Wahrheitsanspruchs des Anderen. Nicht gnädige Duldung, sondern Respekt ist die der Toleranz angemessene Haltung.

Bei welcher Gelegenheit haben Sie sich zum letzten Mal tolerant gezeigt?

In vielen nicht nur öffentlichen Diskussionen, bei denen ich Meinungen und Ansichten, die ich für ganz falsch halte, nicht nur ertragen, sondern ernst genommen und ihnen widersprochen habe - ohne diese Meinungen "herunterzumachen", abzuqualifizieren.

Wann waren Sie das letzte Mal intolerant?

Neulich, gegenüber einem meiner Enkel.

Kann man Toleranz lernen?

Ja, man kann und man sollte unbedingt Toleranz lernen!

Wo fehlt es in unserer Gesellschaft besonders an Toleranz?

Gegenüber Flüchtlingen, Obdachlosen, Kinderreichen, religiösen Menschen ...

Sie sind gläubiger katholischer Christ – in welchen Punkten wünschen Sie sich mehr Toleranz von Ihrer Kirche?

Ohne Zweifel gegenüber Homosexuellen.

Wie tolerant kann man als Christ sein, wenn es beispielsweise um so ein schwieriges Thema wie Sterbehilfe geht?

Noch einmal: Tolerant sein heißt nicht, dass man seine eigenen Überzeugungen nicht selbstbewusst vertritt. Beim Thema Sterbehilfe geht es darum, Respekt vor einer individuellen Entscheidung mit der Überzeugung zu verbinden, dass der (assistierte) Suizid nicht der Inbegriff von menschlicher Selbstbestimmung ist, sondern deren Ende.

Das Interview führte Karola Kallweit.

Stand: 13.11.2014, 10.30 Uhr

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