Themenwochen-FAQs: Antworten auf Fragen rund um das Thema Glück - Teil 3

Einer greift die Hand des anderen. | Bildquelle: colourbox.com

Fragen rund um das Glück

Gesellschaftliches Glück - was ist mit den Rahmenbedingungen?

Annika Franck

Medien und Märkte fordern dazu auf, an sich selbst zu arbeiten, die Selbstoptimierungs-Industrie verdient viel Geld mit dem Streben nach Glück. Doch man hat Glück nicht immer selbst in der Hand - auch gesellschaftliche Aspekte spielen eine große Rolle, wenn es um Glücksempfinden und Zufriedenheit geht.

Wie gerecht ist Glück verteilt?

Nicht alle Menschen sind mit ihrem Leben gleich glücklich oder gleich zufrieden. Ein Gradmesser dafür ist die Unicef-Kinderstudie, die die Situation von Kindern in den Industrieländern beleuchtet. Die Studie untersucht einerseits die Lebensbedingungen der Kinder (Arm oder reich, Gesundheit, Bildung). In diesem Teil der Untersuchung liegt Deutschland auf dem sechsten Platz (von 29). Dass es aber nicht allen Kindern gut geht, zeigt der Teil der Studie, in dem Kinder ihre eigene Situation einschätzen und damit Auskunft über ihre Lebenszufriedenheit geben. Da liegt Deutschland auf dem 22. Platz - ein Alarmsignal für Experten. "Das liegt daran, dass bei uns die Bildungschancen so ungleich verteilt sind", ärgert sich Volkswirtschaftler Karlheinz Ruckriegel. Hier seien Staat, Politik und Gesellschaft gefragt. Platz eins der Unicef-Studie belegen übrigens in beiden Sparten sie Niederlande.

Ein kleiner Trost: Grundsätzlich gilt, dass Glück nicht unbedingt eine Frage des Geldes ist.  Denn arme Menschen sind nicht unglücklicher als reiche Menschen - "da gibt es eine art ausgleichender Gerechtigkeit", meint der Psychologe Günter Scheich.

Unicef-Bericht zur Lage der Kinder in den Industrienationen l www

Wo sind die Menschen besonders glücklich? Globale Glücksdatenbank (engl.) l www

Brauchen wir Glück als Schulfach?

Seit 2007 setzt sich der Oberstudiendirektor Ernst Fritz-Schubert dafür ein, dass Glück auch in der Schule unterrichtet wird. Im Zentrum des Unterrichts steht die Vermittlung von Selbstvertrauen, von Vertrauen in andere, Freundschaft und Gemeinschaft. An der Willy-Hellpach-Schule in Heidelberg startete er mit dem neuen Unterricht, inzwischen hat er ein Buch zum Schulfach Glück geschrieben und setzt sich dafür ein, dass immer mehr Schulen seinen Ansatz übernehmen. Erste Untersuchungen von Vertretern der Positiven Psychologie an der Universität Mannheim deuten darauf hin, dass das Konzept funktioniert: Sie konnten einen positiven Effekt auf das Wohlbefinden der Schüler feststellen.


"Glück kann man lernen"

Interview mit Ernst Fritz-Schubert, Erfinder des "Schulfachs Glück" | mehr

Ergebnisse von der Uni Mannheim l www

"Aktion Schulstunde" der ARD-Themenwoche l mehr

Speziell zur Themenwoche: Eine Schulstunde Glück l mehr

Gibt es einen Zwang zum Glück?

Dass das Streben nach Glück zum Zwang wird, befürchtet Psychologe Günter Scheich. "Wir leben in erheblichem Wohlstand, vieles ist machbar. Da ist es schon fast selbstverständlich, dass Glück dazu gehört - aber das funktioniert eben nicht immer", warnt der Psychologe und Psychotherapeut. "Und das kann uns krank machen. Wenn Menschen eine zu hohe Selbsterwartung haben, und dann eben noch die hohe Fremderwartung von außen hinzu kommt."


"Positives Denken macht unglücklich"

Interview mit Günter Scheich, Psychologe, Psychotherapeut und Sachbuch-Autor | mehr

Haben wir ein Recht auf Unglücklichsein?

Ja, sagt Günter Scheich, Psychologe und praktizierender Psychotherapeut: "Der Mensch darf auch negative Gefühle haben. Wut, Ärger, Aggression - das muss man auch mal ausdrücken können, damit man sich reinigt und befreit." Das helfe, sich selbst zu behaupten. Und: "Wer keine Trauerarbeit leistet, kann mit Trauer nicht fertig werden, und das kann das ganze Leben nachwirken." Eine der bekanntesten Kritikerinnen der so genannten Positiven Psychologie ist die amerikanische Journalistin Barbara Ehrenreich, die das Buch "Smile or Die: Wie die Ideologie des positiven Denkens die Welt verdummt" geschrieben hat.

Welche Rolle spielt die Gesellschaft für unsere Fähigkeit, glücklich zu sein?

Auch wenn wir einiges tun können, um dem Leben positive Aspekte abzugewinnen - ist wirklich jeder seines Glückes Schmied? Nicht ganz, meinen die Experten. Denn es gibt durchaus gesellschaftliche Aspekte, die zu Unglück - und mangelndem Glück - beitragen. "Es liegt auch an den Arbeitsverhältnissen, an der Gesundheit, an der Gesellschaft insgesamt", betont der Psychologe Günter Scheich. "Man kann ja nicht einfach sagen: Du bist deswegen reich, weil du richtig gedacht hast. Oder: Du bist gesund, weil du positiv gedacht hast. Dann wäre man bei allem immer selbst Schuld - und die Gesellschaft aus dem Schneider." Daher warnt Scheich vor einem Phänomen, das er Psychodarwinismus nennt: "Das funktioniert nach dem Motto: Wer nicht genügend positiv gedacht hat, ist selber Schuld, wenn er nicht glücklich ist und keinen Erfolg hat im Leben. Dabei liegt es nicht nur an dem einen Menschen, sondern auch an der Gesellschaft, den Arbeitsverhältnissen, der Gesundheit."

Wer kann helfen, wenn man auf einen Glücks-Scharlatan hereingefallen ist?

 "Möglichst schnell raus aus der Sache!" - rät Psychologe Günter Scheich. Auch wenn das oft nicht so einfach ist. Überhaupt ist der Markt riesig und sehr unübersichtlich. Es gibt gute und sinnvolle Angebote, aber die zu erkennen fällt oft nicht leicht. Auch, weil es keine einheitlichen Qualitäts- und Qualifikations-Zertifikate für Coaches und Glückstrainer gibt. Grundsätzlich kann sich jeder so nennen. Ist man auf einen Glücks-Scharlatan hereingefallen, bieten unter anderem Sektenberatungsstellen Hilfe an. Die meisten Bundesländer haben ebenfalls Sektenberatungsstellen.

Sektenberatung der Evangelischen Kirche l www

Welche Gesellschaften gelten als besonders glücklich?

In den verschiedenen Rankings schneiden vor allem die Länder gut ab, in denen die Menschen mitentscheiden können. "Die Länder, in denen Menschen autonom leben können, gelten als besonders glücklich", sagt Finanzwissenschaftler Ronnie Schöb. Häufig steht Dänemark an der Spitze solcher Glücks-Skalen. "Auch Ungleichheit führt zu starken Glückseinbußen", fügt Schöb hinzu. Der Soziologe Jan Delhey von der Jacobs-University in Bremen nennt fünf wichtige Faktoren für eine glückliche Gesellschaft: 1) Wohlstand, 2) Freiheit und Rechtstaatlichkeit, 3) Sozialer Zusammenhalt und Vertrauen in die Gesellschaft, 4) ein Klima der Toleranz, und vor allem für Europäer sei wichtig die 5) Gleichheit.


"Wir Dänen nehmen das Leben nicht mehr als 100 Prozent ernst"

Interview mit dem dänischen Botschafter Per Poulsen-Hansen | mehr

Gesellschaftlicher Zusammenhalt im internationalen Vergleich l www

Lebenszufriedenheit in Westdeutschland: Daten des Sozio-ökonomischen Panels l www

International: World Happiness Report (engl.) l www

Stand: 15.11.2013, 22.21 Uhr

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